TTIPfehler

19.05.2015

Das geplante Freihandelsabkommen zwischen der EU und den USA stößt auf großen Widerstand unter Medizinern, Landwirten, Umweltschutzorganisationen und dem Lebensmittelhandel. 

Am 14. Februar 2013 wurde von US-Präsident Barack Obama und vom damaligen EU-Kommissionspräsidenten  José Manuel Barroso politisch grünes Licht für den Start von Verhandlungen über ein umfassendes  Freihandelsabkommen zwischen der EU und den USA gegeben. Durch dieses Abkommen mit dem Namen TTIP (Transatlantische Handels und  Investitionspartnerschaft) soll ein riesiger Wirtschaftsraum mit mehr als 800 Millionen Verbrauchern entstehen. Ziel des Paktes ist es, Handel und Investitionen zwischen der EU und den USA zu steigern und damit für mehr Wohlstand zu sorgen. Damit das auch funktioniert, sollen Handelshemmnisse wie etwa Qualitätsstandards weitgehend abgebaut werden. In einem Runden Tisch, veranstaltet von SPAR Mahlzeit!, wurden nun die Gefahren von TTIP für unseren Alltag diskutiert.
 
SPAR Mahlzeit!: Welche drohenden Auswirkungen des TTIP erachten Sie als besonders problematisch für die Bevölkerung?

Alexander Egit (Greenpeace): Laut den politisch Verantwortlichen sollen damit Wachstum und Arbeitsplätze  geschaffen werden – und zwar vor allem durch die Angleichung der jeweiligen Gesetze und Regeln beider  Wirtschaftsregionen und die Stärkung von Investorenrechten. Aber in Wahrheit versteckt sich hinter TTIP ein massiver Angriff auf alles, was uns wichtig ist: Gesundheit, hohe Lebensmittelstandards, soziale Sicherheit, Arbeitsrechte, Umweltschutz und nachhaltige Landwirtschaft.

Gerhard Drexel (SPAR): Sollte TTIP kommen, dann würde das bedeuten, dass der österreichische und der  EU-Markt mit Schundlebensmitteln wie Gentech-Nahrung, Fleisch aus Intensivantibiotika-Einsatz und Hormon-Fleisch überschwemmt würden.

Erich Stekovics (Bio-Landwirt): In Amerika ist es beispielsweise üblich, dass Kälber eine „Antibiotika-Dusche“ bekommen. Das ist eine Ganzkörper-Besprühung mit Antibiotika. Außerdem werden ihnen Hormonchips im Rücken eingepflanzt. Diese geben dann bis zur Schlachtung täglich Hormone an den Tierkörper ab. In diesen Hormonen  ist vor allem Östrogen drinnen, was  zu einem schnellen Wachstum des Fleisches führt. Die Knochen allerdings bleiben dünn. Das ist auch der Grund, weshalb diese Tiere nach nur 13 Monaten geschlachtet werden müssen. Denn würden sie, wie in Europa, erst mit 28 Monaten geschlachtet werden, ginge das gar nicht, weil die Knochen das Gewicht nicht mehr tragen könnten.

SPAR Mahlzeit!: Wachstums- und leistungssteigernde Hormone würden zum Alltag in den Ställen werden. Herr Professor Huber, wie bedenklich sind diese Entwicklungen aus Ihrer Sicht?

Johannes Huber (Hormonexperte):  Es geht hier nicht nur um die Hormone, sondern auch um Pestizide, Antibiotika und um Stoffe in Kunststoffverpackungen, die ähnlich wie Hormone wirken. Rund 40 Prozent der amerikanischen Nahrungsmittel kommen damit in Berührung. Besonders dramatisch wirken sich diese hormonähnlichen Substanzen in jungen Jahren während der Pubertät aus, weil sie den Hormonhaushalt massiv  stören, in den Stoffwechsel eingreifen und oft die normalen Wirkungen von körpereigenen Hormonen um ein Vielfaches verstärken. Schulmedizinisch nachgewiesen wurde außerdem, dass die vermehrte Einnahme dieser hormonaktiven Substanzen die Fruchtbarkeitsrate bei jungen Frauen senkt sowie die Spermaqualität bei den jungen Männern.  Vize-Kanzler Mitterlehner sollte  sich daher ernsthaft überlegen, ob  er bereit ist, die Verantwortung für die gesundheitlichen Risiken zu tragen, sollte er für CETA und TTIP stimmen und damit Tür und Tor für bedenkliche Lebensmittel öffnen.

Markus Metka (Mediziner): Die Amerikaner sind uns Europäern in vielen Dingen rund zehn Jahre voraus – sowohl im Positiven, aber auch im Negativen. In puncto Ernährung sind sie ein abschreckendes Negativbeispiel, das wir auf keinen Fall bei uns implantieren sollten. Die Masse der amerikanischen Bevölkerung – um in kräftigen Worten zu sprechen – ist in extremster Weise überzuckert, überfettet und versalzen. Die Folge davon ist, dass die Lebenserwartung der US-Bevölkerung abnimmt.

Friedrich Hoppichler (Mediziner): Vor allem zwei Erkrankungen sind dort stark im Zunehmen: Adipositas und Typ-2-Diabetes. In den USA bekommen schon zehnjährige Kinder Altersdiabetes.
SPAR Mahlzeit!: Worauf ist das zurückzuführen?

Metka (Mediziner): Die großen US-Lebensmittelkonzerne haben nur ein Ziel: Gewinne zu maximieren. Dafür ist ihnen jedes Mittel recht, auch wenn damit die Gesundheit von Millionen Menschen auf dem Spiel steht.

Hoppichler (Mediziner): Außerdem wird in Amerika weder gesundheitspolitisch noch ernährungstechnisch ein ausreichendes Bewusstsein für eine ausgewogene Ernährung geschaffen. Die Fehlentwicklung in puncto Ernährung hat maßgeblich in den 1970er-Jahren ihren Ausgang genommen, als die Amerikaner der Freigabe des Mais-Sirups zugestimmt haben. Dieses Fruchtzuckergemisch, das enzymatisch aus Stärke von Mais hergestellt wird, wurde ab dann in großen Mengen sehr vielen Lebensmitteln – angefangen von Jogurt, Brot und Saucen bis hin zu Softdrinks – zugesetzt. Gleichzeitig nahm auch die Zahl der Übergewichtigen stark zu. Heute ist jeder dritte Amerikaner schwer übergewichtig.

Drexel (SPAR): Zum Vergleich  möchte ich hier ein Zahlenbeispiel  einbringen: Die Amerikaner  verbrauchen durchschnittlich pro  Kopf und Jahr rund 25 Kilogramm  High-Fructose-Mais-Sirup, in  Frankreich liegt der Verbrauch bei  einem halben Kilogramm, also nur  zwei Prozent vom Verbrauch in den  USA.
Metka (Mediziner): Ich finde, man  sollte statt dem Chlorhuhn den  Mais-Sirup als Symbol für TTIP  verwenden. Der ist viel gefährlicher  für die Volksgesundheit.

Stekovics (Bio-Landwirt):
Zum  Glück hat Europa diesen Wahnsinn  nicht mitgemacht. Bei uns wird der  Mais-Sirup nicht automatisch in all  unseren Produkten zugesetzt.

Metka (Mediziner): Aber durch die  Harmonisierung der Lebensmittelstandards,  die TTIP ja zum Ziel  hat, würden die teilweise härteren  Rahmenbedingungen innerhalb der  Lebensmittelproduktion sowie  unsere mühsam erarbeiteten  Gesundheitsstandards abgeschwächt  werden. Und dann wäre es sehr  wahrscheinlich, dass der Mais-Sirup  auch in unseren verarbeiteten  Lebensmitteln landen würde.

Hoppichler (Mediziner):
TTIP  brächte noch weitere bedenkliche  Gefahren für unsere Gesundheit mit  sich: Ein Großteil des Maises, der  Sojabohnen und der Zuckerrüben in  den USA sind gentechnisch verändert,  aber müssen dort nicht entsprechend  gekennzeichnet werden.  Würde Europa in diesem Bereich die  Ansprüche senken, bestünde die  Möglichkeit, dass veränderte Lebensmittel  wie konventionelle Produkte  in den Regalen angeboten werden –  ohne dass dies für die Konsumenten  ersichtlich ist. Ohne es zu wissen,  setzt man sich dann einem nicht  geklärten Risiko aus.

Egit (Greenpeace): Doch nicht nur  Gentech-Pflanzen würden kommen,  sondern auch eine ganze Reihe von  Substanzen, die derzeit in der EU  verboten sind. Etwa das Diphenylamin:  Diese Chemikalie ist in der EU  verboten, weil sie bei dauerhafter  Anwendung zu Blut- und Nierenschäden  führen kann. Sie wird in  den USA bei Äpfeln und Birnen  eingesetzt, um die Schalenfäule zu  vermindern. Wenn TTIP in der  geplanten Form kommt, dann wäre  der Einsatz von Diphenylamin in  Zukunft auch bei uns möglich. Das  gefährdet die Volksgesundheit.

SPAR Mahlzeit!: Unterschiede gibt  es ja auch im Vorsorgeprinzip in der  EU zum Risikoprinzip in den USA?

Egit (Greenpeace):
Richtig. Die große  europäische Errungenschaft – das Vorsorgeprinzip – wäre in Gefahr. In  den USA werden Lebensmittel nach  dem Risikoprinzip bewertet, wonach  ein Stoff grundsätzlich erlaubt ist  und erst verboten wird, wenn seine  Risiken bewiesen sind. Im Gegensatz  dazu herrscht in der EU das  Vorsorgeprinzip: Bevor in Europa ein  Produkt auf den Markt kommt, muss  durch zahlreiche Verfahren und  Tests überprüft werden, ob es der  Gesundheit schadet. 

Hoppichler (Mediziner): In Zusammenhang  mit gentechnisch veränderten  Lebensmitteln wirft das  Risikoprinzip zwei weitere mögliche  Gesundheitsrisiken auf: Wir wissen  heute nicht, welche weiteren Allergien  und Antibiotika-Resistenzen  sich ausbilden, wenn wir gentechnisch  veränderte Lebensmittel zu  uns nehmen. Außerdem wissen wir  nicht, wie sich die Bakterien im  Darm verändern, wenn die Darmschleimhaut  mit gentechnisch  veränderten Stoffen in Kontakt tritt.  Deshalb kann nicht ausgeschlossen  werden, dass gentechnologisch  veränderte Nahrungsmittel Auswirkungen  auf das Immunsystem haben.

SPAR Mahlzeit!: Herr Stekovics, mit  welchen Folgen hätten wir in der  Landwirtschaft und beim Tier- und  Umweltschutz zu rechnen?

Stekovics (Bio-Landwirt):
Wir haben  in Europa derzeit 13 Millionen  Bauern. In Amerika kommen auf  eine vergleichbare Bevölkerungszahl  nur noch 750.000 Bauern. Allein  diese Zahl sagt schon sehr viel  darüber aus, wie unterschiedlich die  Landwirtschaft funktioniert. In  Österreich gibt es viele kleine und  mittlere Betriebe, in den USA  hingegen riesige Farmen mit  tausenden Tieren. Konventionelle  Legebatterien, Kälberboxen und  Kastenhaltung von Sauen sind in  den USA nach wie vor gelebte  Praxis. In der EU hingegen sind  diese Tierhaltungsformen verboten.

Drexel (SPAR):  Die österreichische  Landwirtschaft  und  regionale  Erzeuger wären  existenziell  bedroht, wenn  TTIP käme, denn amerikanische  Lebensmittel aus gentechnisch  veränderten Pflanzen, aus Hormonfleisch  und Fleisch aus Intensiv-Antibiotika-  Einsatz wären billiger als  unsere heimischen Qualitätslebensmittel.  Um aber wettbewerbsfähig zu  bleiben und dem drohenden Absatzproblem  entgegenzuwirken, würde  auch in Europa der Druck steigen,  die Qualitätsstandards zu senken.  Dieses „race to the bottom“ führt  unweigerlich zum Sinken der  Lebensmittelqualität sowie der  Umweltschutz-, Qualitäts- und  Tierschutzstandards.
SPAR Mahlzeit!: Was ist jetzt als  Nächstes zu tun?

Egit (Greenpeace):
Bevor TTIP zum  Abschluss kommen wird, steht ein  zweites bedenkliches Freihandels-  Abkommen namens CETA zwischen  Kanada und der EU zur  Abstimmung. CETA ist genauso  wie TTIP ein Vertrag, der Qualitätsstandards  harmonisieren will und  ein besonderes Schutzrecht für  Investoren, meist große Konzerne,  vorsieht. Wenn CETA durchgewunken  wird, ist das in jedem Fall eine  Hintertür für die USA. Denn CETA  ermöglicht es auch US-Konzernen,  die in Kanada eine Niederlassung  haben, ihre Rechte in der EU geltend  zu machen. Wir müssen Vize-Kanzler  Mitterlehner unbedingt davon  überzeugen, gegen CETA zu stimmen,  um damit die österreichischen und gesamteuropäischen Interessen  in puncto Lebensmittelkultur,  Gesundheit, Umwelt und Arbeit  zu wahren.

Mark Perry (Kronenzeitung): Wir  müssen weiterhin die Bevölkerung  umfassend über die Gefahren dieser  Abkommen informieren, denn die  Verhandlungen sind alles andere als  transparent. Die Verhandlungsdokumente  sind geheim, auch die nationalen  Parlamente sind kaum  eingebunden. Große Konzerne  hingegen werden von der Europäischen  Kommission hofiert. Zivilgesellschaftliche Organisationen haben  kaum Mitspracherecht.

Drexel (SPAR): Genau. Mit unserer  Plattform zur Rettung der österreichischen  Lebensmittelkultur wollen  wir uns vehement gegen die mögliche  Herabsenkung unserer Lebensqualität  wehren und auch große  europäische Errungenschaft en wie  die Gentechnikfreiheit und das  Vorsorgeprinzip schützen. Unsere  Lebensmittelvielfalt darf nicht zum  Opfer der Gewinnmaximierung  großer US-Konzerne werden. Dafür  setzen wir uns weiterhin mit voller  Überzeugung ein! TTIP muss den  hochsensiblen Bereich der Landwirtschaft und die gesamte Lebensmittelbranche  ausklammern. Außerdem  kann ich mir ein Abkommen nur  dann vorstellen, wenn der Investitionsschutz,  der es Unternehmen  ermöglicht, nationale Gesetze auszuhebeln,  gänzlich gestrichen wird.

Metka:
Ich meine, dass sich die  gesamte Ärzteschaft auf den hippokratischen  Eid besinnen und sich  geschlossen gegen TTIP aussprechen  sollte. Denn dadurch können wir  mehr Leben retten als mit einem  neuen Medikament. 

SPAR Mahlzeit!: Ich danke Ihnen  für die interessante Diskussion.