SPAR und Arche Noah forcieren alte Sorten

SPAR und Arche Noah, der Verein für die Erhaltung der Kulturpflanzenvielfalt und ihre Entwicklung, starteten 2012 eine langfristig angelegte Kooperation: Gemeinsames Ziel ist es, einen Beitrag zum Schutz und Fortbestand der Kulturpflanzenvielfalt zu leisten und Bio-Raritäten aus vergangenen Tagen zu revitalisieren. Denn die Industrialisierung der Landwirtschaft sowie Saatgutmonopole haben dazu beigetragen, dass laut Schätzungen der Welternährungsorganisation „Food and Agriculture Organization of the United Nations“ in den vergangen 100 Jahren rund drei Viertel aller Kulturpflanzen weltweit verloren gegangen sind. Gentechnik und Klimawandel haben ihr übriges getan.

Spar Aktion "Wie früher" Spar AG mit Arche Noah.Spar Vorstandsvorsitzender Gerhard Drexel
© Franz Neumayr © Franz Neumayr
Verschiedene Arten von Erdäpfel in einer Holzbox
© Luzia Ellert

SPAR und ARCHE NOAH beleben Erdäpfel-Raritäten wieder

5.000 Erdäpfelsorten gibt es weltweit, in Österreich sind gerade einmal 45 Sorten registriert. Abseits dieser gängigen Sorten existieren jedoch unzählige „vergessene“ Raritäten, die meist von kleinen Gärtnern und Bauern gezüchtet und erhalten werden. Gemeinsam mit dem Verein ARCHE NOAH setzt sich SPAR für diese Erdäpfel-Raritäten ein. Nach Bio-Saaten bringt SPAR im Herbst nur für kurze Zeit vier Bio-Erdäpfel-Raritäten unter der Eigenmarke „SPAR wie früher“auf den Markt und setzt damit abermals ein Zeichen für die Zukunft, gegen die geplante EU-Saatgutverordnung und für die ökologische Vielfalt.

Die Bio-Erdäpfel-Raritäten von „SPAR wie früher“ tragen klingende Namen wie „Rote Emma“, „Blaue Elise“, „Rosa Tannenzapfen“ und „Sieglinde“. Doch nicht nur ihre Bezeichnungen unterscheiden sich von gewöhnlichen im Lebensmittelhandel erhältlichen Erdäpfelsorten.

Ziel: Die Sorten-Vielfalt den Menschen zugänglich machen

227 Kartoffelsorten waren im Jahr 1950 noch in der österreichischen Sortenliste eingetragen, diese Zahl ist auf 45 geschrumpft. Ursache für den Rückgang sind nicht schlechter Geschmack oder Verwendung, sondern die Bedingungen der modernen Massenproduktion. SPAR und ARCHE NOAH sehen hier großen Handlungsbedarf und setzen mit den vier Bio-Erdäpfel-Raritäten ein Zeichen für die Zukunft. Denn beiden Partnern liegt eines am Herzen: so vielen Menschen wie möglich diese seltenen Sorten zur Verfügung zu stellen.

Rosa Fleisch, blaue Schale, buttriger Geschmack

Eher einer Roten Beete als einer Kartoffel ähnelt Blaue Elise, auch als „Violetta“ bekannt. Die Bio-Erdäpfelsorte mit dunkel-violetter Schale und violettem Fruchtfleisch schmeckt besonders gut zu Salz- und Braterdäpfel und ist eine Augenweide im Erdäpfelsalat. Tipp: Mit der Schale garen, das erhält ihre schöne Marmorierung. Ihrem Namen gerecht wird Rote Emma. Die auffällig rot gefärbte Erdäpfelsorte heißt offiziell „Red Emmalie“ und ist eine Bio-Züchtung von Karsten Ellenberg, dem Pionier alter und seltener Erdäpfelsorten aus Barum. Sie hat einen würzigen Geschmack und eignet sich perfekt für Erdäpfelsalat, Beilagen sowie für Gnocchi.

In England bereits seit 1850 als „Pink Fir Apple“ bekannt ist die alte Sorte  „Rosa Tannenzapfen“, deren Form einem Tannenzapfen nahekommt. 2013 zum „Erdapfel des Jahres“ gekürt, besticht diese Delikatesse durch ihren würzigen Geschmack, der besonders in Salaten zur Geltung kommt. Die Kartoffel kann mit Schale genossen werden und ist daher ideal für die schnelle Küche. „Sieglinde“, der „Speiseerdapfel des Jahres 2010“, existiert bereits seit 1935 und zählt zu den ältesten zugelassenen Erdäpfelsorten. Er ist festkochend und eignet sich hervorragend für Erdäpfelsalat, Salz- und Braterdäpfel.

EU-Saatgutverordnung nun final ad acta gelegt!

2016 wurde im EU-Parlament die EU-Saatgut-VO mit überwältigender Mehrheit abgelehnt. Damit zog die EU-Kommission ihren Vorschlag endlich auch formell zurück. Das bedeutet, dass nicht mehr am bestehenden Entwurf weiter gearbeitet werden darf, sondern dass hier wieder bei „Null“ begonnen werden muss.

Zu diesem Erfolg zum Erhalt der Sortenvielfalt und gegen die Kontrolle der Saatgutversorgung durch multinationale Konzerne hat unter anderem die Petition gegen die EU-Saatgutverordnung beigetragen. Die Petition mit mehr als 500.000 Unterschriften wurde maßgeblich durch den Einsatz von SPAR und der Kronenzeitung mitgetragen. Die Ablehnung der bedrohlichen EU-Saatgutverordnung ist also ein Erfolg aller, die ihre Stimme erhoben haben.

EU-Einheitsgemüse drängt alte Sorten aus Regalen

Die EU-Saatgutverordnung wurde 2015 vom EU-Parlament abgeleht und anschließend von der EU-Kommission zurückgezogen. Welche fatalen Auswirkungen eine derartige Verordnung für die Sortenvielfalt und die Ernährungssicherheit gehabt hätte, können Sie auch weiterhin hier nachlesen:

Die Umsetzung dieser Verordnung hätte  verheerenden Folgen nach sich gezogen. Bei Erfolg müssen hunderte alte Obst- und Gemüsesorten aus den Supermarkt-Regalen genommen werden. Für SPAR-Vorstand Gerhard Drexel ist das ein „EU-Skandal“, der nicht hingenommen werden darf.

Die geplante EU-Saatgutverordnung sieht vor, dass nur noch lizenzierte und geprüfte Obst- und Gemüsesorten angebaut werden dürfen – angeblich zum Schutz der Konsumenten. Warum kämpfen Sie dagegen?

„Die EU schiebt den Konsumentenschutz vor, um internationalen Saatgutkonzernen noch mehr Macht zu verleihen. Die künftig erforderliche Lizenzierung von Sorten ist teuer und aufwändig. Kleine Züchter und Bauern, die alte Sorten anbauen, können diese EU-Auflagen nicht erfüllen. Sie dürfen zukünftig nur noch das Einheitsgemüse der Saatgutkonzerne produzieren und sind von diesen abhängig! Dabei geht es hier um Sorten, die seit Jahrhunderten bei uns kultiviert werden – welche Gefahr für Konsumenten sollte von diesen ausgehen? Keine! Das ist der größte Anschlag auf die Artenvielfalt und auf den Feinkostladen Österreich, seit es die EU gibt!“

Haben Sie dafür Beispiele?

„Viele! Destillerien wie Freihof aus Lustenau verwenden Früchte von alten Obstbäumen für ihre Spezialbrände, wie zum Beispiel die Subirer. Niemand weiß mehr, welche Sorten bei diesen jahrzehntealten Bäumen gekreuzt wurden. Eine Lizenz nach der Saatgutverordnung wäre hier unmöglich. Damit würden die Vorarlberger Obstlieferanten einen wichtigen Abnehmer ihrer traditionellen Obstsorten verlieren. Besonders hart betroffen wäre der Bio-Landwirt Erich Stekovics, der im Burgenland 3.500 alte Tomaten- und Chili-Sorten bewahrt und anbaut. Er müsste alle Sorten registrieren lassen oder könnte nur noch ab Hof verkaufen. Die dafür anfallenden Kosten von 3,5 Millionen Euro und jährlich 63.000 auszufüllenden Formularseiten (nämlich 18 Formulare pro Sorte) für die Zulassungen sind für Stekovics unmöglich. Noch viel ärger: Selbst bei all diesem Aufwand sind viele alte Sorten in Brüssel gar nicht zertifizierungsfähig! Stekovics dürfte nicht mehr über den Handel verkaufen und wäre zum Zwerg-Sein verurteilt.“

Sind Geld und Bürokratie die einzigen Hindernisse?

„Nein, die Saatgutverordnung lässt faktisch nur Industrie-Sorten zu. Denn eine Sorte muss, damit sie anerkannt wird, uniforme, also einheitliche Früchte produzieren. So wie die längst bekannten Bananen oder Gurken mit einer bestimmten Krümmung. Das gibt es bei vielen Sorten nicht. Außerdem muss bewiesen werden, dass die Sorten schon immer bei uns gewachsen sind. Bei Tomaten, die bekanntlich nicht aus Österreich stammen, ist das unmöglich.“

Wie sind Sie als Lebensmittelhändler betroffen?

„Wir bemerken in den vergangenen Jahren eine stark steigende Nach-frage bei alten Sorten. Den Grund dafür sehen wir im besonderen Ge-schmack dieser Früchte und im Gesundheits- und Traditionsbewusstsein unserer Kundinnen und Kunden. Dementsprechend passen wir unser Sortiment an: Wir bieten seit mehreren Jahren Pflanzen, Samen und Früchte alter Sorten in Kooperation mit dem Verein ARCHE NOAH und dem Tomaten-Pionier Erich Stekovics. All diese Produkte, bei denen alte Sorten verwendet werden, müssten wir aus den Regalen aller 1.500 SPAR-Märkte nehmen. Solche wunderbaren Produkte dürfen dann nicht mehr über Handelsgeschäfte verkauft werden! Ein unfassbarer EU-Skandal!“

Wie wollen Sie diese Verordnung noch verhindern?

„Der Wahnsinn ist, dass der Entwurf der Saatgutverordnung all unsere Bemühungen zur Bewahrung und Verbreitung alter Sorten zunichtemacht! Unsere Kundinnen und Kunden werden damit vom Angebot an Sortenraritäten komplett abgeschnitten. Damit kann ich mich nicht abfinden. Der Bundesrat hat sich kürzlich gegen den aktuellen Entwurf ausgesprochen und ortet sogar demokratiepolitische Probleme. Ich appelliere an Bundesrat und Parlament, sich weiter für eine grundlegende Überarbeitung der Verordnung einzusetzen und die Interessen von Kunden und Wählern wieder über jene der internationalen Saatgut-Konzerne zu stellen. Solange werden wir von SPAR nicht still sein und unsere Kunden über diesen EU-Skandal informieren.“