MAHLZEIT! MAGAZIN 05-2017

SPAR-Markt mit sozialem Mehrwert

31.08.2017

In einer einzigartigen Kooperation zwischen Caritas Wien, AMS Wien und SPAR bietet ein SPAR-Markt 20 langzeiterwerbslosen Frauen und Männern befristete Arbeitsplätze. Ein Blick hinter die Kulissen.

Der Mann kann zupacken, das merkt man schon beim Händedruck. Und zupacken, das muss er in seiner neuen Arbeit auch. Erich Schuller ist 60, gelernter Grafiker und ausgebildeter Sommelier. Seit Juni dieses Jahres schlichtet er Flaschen und Dosen. Die SPAR-Getränkeabteilung ist seine neue berufliche Heimat. Hoch motiviert und dankbar für seine Aufgabe ist er jeden Tag schon eine halbe Stunde vor Dienstbeginn da. „Obwohl die Arbeit in meinem Alter sehr anstrengend ist“, wie er sagt. Sechs Jahre lang war Schuller auf der Suche nach einer Arbeit gewesen. Eine harte, frustrierende Zeit, voller Absagen und Enttäuschungen. Nun hat er – dank Caritas, Arbeitsmarktservice (AMS) und SPAR – die Chance erhalten, wieder im Berufsleben Fuß zu fassen. „Ich werde diese Chance nutzen“, sagt er voller Stolz und Zuversicht, während er eine Sechser-Packung Mineralwasserflaschen in das Regal räumt.

ZWEITE CHANCE
Auf den ersten Blick unterscheidet sich der SPAR-Markt in der Quellenstraße 185 kein bisschen von den anderen Märkten. Auf 684 Quadratmetern Verkaufsfläche gibt es das bewährte und beliebte Warenangebot aus Markenartikeln und SPAR-Eigenmarken. Erst der zweite Blick verrät das Besondere: Dieser SPAR wird seit August 2016 von der Caritas als sozialökonomischer Betrieb geführt. In Kooperation mit dem Arbeitsmarktservice beschäftigt man insgesamt 20 Langzeitarbeitslose. Sechs sogenannte Fachanleiter, das sind lang-jährige SPAR-Mitarbeiter mit dem notwendigen fachlichen Know-how, begleiten und coachen die Frauen und Männer. Viele von ihnen sind älter als 50 Jahre und auf dem Arbeitsmarkt nur noch schwer vermittelbar. „Die Mitarbeiter werden vom AMS zugeteilt. Manche von ihnen haben Erfahrung im Handel, andere nicht“, erklärt Marktleiter Rudi Savic. Die 20 Neo-Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter durchlaufen während ihrer Ausbildung meist alle Bereiche im Handelsbetrieb – von der Feinkost, der Obst- und Gemüseabteilung bis hin zu Kassa und Regalbetreuung. Sechs bis acht Wochen dauert die Einschulung im Durchschnitt, danach stellt sich bereits Routine ein. „Aber“, berichtet Marktleiter Savic, „manchmal gibt es auch Wunderwuzzis, die sind schon nach zwei Wochen sattelfest.“

NEUE HOFFNUNG
Milos Mirkovic ist so einer. „Zuständig für alles“, wie er selbstbewusst sagt, „ein Allrounder.“ Tatsächlich blickt der 28-Jährige schon auf Erfahrung im Lebensmittelhandel zurück. Dennoch war er zuletzt drei Jahre ohne Arbeit. Umso größer sind nun sein Einsatz und sein Engagement im SPAR-Markt – auch wenn er täglich zwei Stunden in die Arbeit und wieder heimpendeln muss. „Ich gebe hier mein Bestes“, bekräftigt Mirkovic. „Denn es tut gut, den Tag sinnvoll gestalten zu können, anstatt auf der Couch herumzusitzen. Ich fühle mich wieder nützlich und geschätzt.“

ENGAGIERTE ARBEIT
Gemeinsam mit Caritas und AMS ein Zeichen gegen Langzeitarbeitslosigkeit setzen, das war die Idee von SPAR-Geschäftsführer Alois Huber. „Ein Job ist mehr, als nur Geld zu verdienen – er bringt Ordnung in den Alltag, gibt eine Aufgabe und fördert die sozialen Kontakte.“ Nach mehr als einem Jahr Zusammenarbeit zieht auch Birgit Reingruber, Caritas-Geschäftsleiterin im SPAR-Markt, positive Bilanz: „Viele der befristeten Arbeitskräfte können es gar nicht glauben, dass sie noch eine Chance bekommen.“ Und ergänzt: „Sie sind pünktlich, sie sind zuverlässig und sie sind weniger oft im Krankenstand als andere Mitarbeiter.“

GUTE PERSPEKTIVE
Doch ihre Arbeit im SPAR-Markt in der Quellenstraße ist auf sechs Monate befristet. Danach bekommen 20 andere Langzeitarbeitslose eine Chance. Reingruber: „Unser Ziel ist es, die Arbeitskräfte in dem halben Jahr so zu qualifizieren, dass sie einen unbefristeten Arbeitsplatz im Handel finden. Wir sind wie eine Ausbildungsstätte.“ Tatsächlich schafft mehr als jeder Zweite den erfolgreichen Wiedereinstieg in den Arbeitsmarkt – zum Großteil in SPAR-Märkten in Wien. „Wir können diesen Menschen eine einzigartige Perspektive anbieten, weil mit SPAR ein großes Unternehmen hinter dem Projekt steht“, sagt Reingruber. Auch Fitim Avdiji will im Lebensmittelhandel bleiben, am liebsten in der Obst- und Gemüseabteilung. „Denn gesunde Ernährung ist mir wichtig“, erklärt der 24-Jährige. Sein großer Traum: „Ich will bei SPAR Karriere machen und eine eigene Obst- und Gemüseabteilung leiten.“

„WIR WOLLEN KEINEN MITLEIDS-EFFEKT“
Trixi Pech ist die Leiterin von „Inigo Gastronomie und Perspektive Handel“, einem Betrieb der Caritas Wien. Inigo betreibt den SPAR-Markt in Wien-Favoriten und ein Restaurant in der Wiener Innenstadt. Ziel ist es, Menschen, die von längerer Arbeitslosigkeit betroffen sind, wieder in den Berufsprozess zu integrieren.

SPAR MAHLZEIT!: Wie kam es zu der Zusammenarbeit mit SPAR?
TRIXI PECH
: Anfang 2016 ist SPAR an uns mit dem Wunsch herangetreten, dieses Projekt gemeinsam zu initiieren. In Oberösterreich gibt es so eine Zusammenarbeit bereits. Für uns war das in Wien Neuland, als Caritas hatten wir mit Lebensmittelhandel bis jetzt nichts zu tun. Also haben wir ein Konzept geschrieben und es dem AMS angeboten. Als das Okay von SPAR und AMS kam, konnten wir im August 2016 starten.

SPAR MAHLZEIT!: Wie gestaltet sich die Kooperation?
TRIXI PECH: Sehr gut! Wir sind auf einer ähnlichen Wellenlänge. Gerade in der Vorbereitungsphase hatten wir viele Fragen – da war man seitens SPAR wirklich sehr hilfreich. Jetzt merken wir beide, Caritas und SPAR, dass gemeinsam etwas Gutes und Spannendes entstanden ist. Wir bieten langzeitarbeitslosen Menschen eine tolle Perspektive an.

SPAR MAHLZEIT!: Warum ist das Caritas-Engagement im SPAR-Markt kaum sichtbar?
TRIXI PECH:
Weil wir mit dem sozialen Auftrag nicht speziell werben. Wir wollen so gut sein wie jede andere SPAR-Filiale auch. Wir wollen keinen Mitleidseffekt. Wenn der Kunde im Nachhinein erfährt, dass er damit einen sozialökonomischen Betrieb unterstützt hat – na umso besser! Dann ist das ein Mehrwert.