MAHLZEIT! MAGAZIN 03-2017

Markus Schörpf im Interview

24.05.2017

Bio-Bauer Markus Schörpf, Gründungsmitglied und Obmann der ARGE Gentechnik-frei, zieht Bilanz über die Arbeit des Vereins der vergangenen 20 Jahre.

SPAR MAHLZEIT!: HERR SCHÖRPF, SIE KÄMPFEN SEIT 20 JAHREN AN VORDERSTER FRONT FÜR GENTECHNIKFREIHEIT IN ÖSTERREICH UND EUROPA. WIE ZUFRIEDEN SIND SIE MIT DEM STAND DER DINGE HEUTE?

MARKUS SCHÖRPF: Wenn ich an die vielen Unkenrufe denke, dass kein Weg an der Gentechnik vorbeiführt, und auch an die Hürden, die wir überwinden mussten, und an die viele Überzeugungsarbeit, die wir geleistet haben, kann ich nicht anders als mit dem Ergebnis unserer Arbeit sehr zufrieden zu sein. Für mich persönlich ist es auch eine große Freude, dass es uns gelungen ist, all die Jahre im Vorstand und im Beirat der ARGE Gentechnik-frei stets eine konstruktive und freundschaftliche Stimmung zu behalten. Das ist keine Selbstverständlichkeit bei so einer nicht alltäglichen Allianz aus Umweltorganisationen, Bauern und Wirtschaftsunternehmen.

SPAR MAHLZEIT!: KÖNNTEN SIE EIN PAAR ERRUNGENSCHAFTEN AUFZÄHLEN?

MARKUS SCHÖRPF: In Österreich dürfen noch immer keine gentechnisch veränderten Pflanzen angebaut werden. Aufgrund der Kennzeichnungspflicht und unserer Positivkennzeichnung mit dem „Ohne Gentechnik hergestellt“-Logo haben die Konsumenten weiterhin die Freiheit, sich dezidiert für gentechnikfreie Produkte zu entscheiden, wenn sie das wollen. Und nicht zuletzt wurden durch die Pionierarbeit Österreichs in der EU Richtlinien und Verordnungen erlassen, die sowohl die Landwirtschaft als auch die Konsumenten schützen. Als besonders großen Erfolg werten wir auch, dass bei uns Milch, Eier und Masthühner zur Gänze gentechnikfrei sind. Da haben alle höchst erfolgreich gemeinsam an einem Strang gezogen.


SPAR MAHLZEIT!: WIE WÜRDEN SIE DIE ROLLE VON SPAR DABEI EINSTUFEN?


MARKUS SCHÖRPF: SPAR war nicht nur von Anfang an dabei, sondern hat immer auch bei der Umsetzung unserer Vorhaben eine Vorreiterrolle eingenommen. Wäre SPAR nicht mit an Bord gewesen, wäre vieles nicht so erfolgreich gelungen.

SPAR MAHLZEIT!: EINE ENTWICKLUNG VERLÄUFT NIEMALS GERADLINIG. WO SEHEN SIE VERSÄUMNISSE?

MARKUS SCHÖRPF: Die Kennzeichnungsverordnung der EU sieht zwar vor, dass alle gentechnisch veränderten Lebens- und Futtermittel gekennzeichnet werden müssen, davon ausgenommen sind aber Produkte, die aus den Tieren gewonnen werden, die mit Gentech- Pflanzen gefüttert wurden. Weiters ist es (noch) nicht gelungen, wesentliche Bereiche der Schweinemast auf gentechnikfrei umzustellen. Wenn ein Schwein mit Gentech-Soja gefüttert wird, muss das daraus produzierte Schnitzel nicht gekennzeichnet werden. Wenngleich auch hier gilt: Tierische Produkte aus biologischer Landwirtschaft oder solche mit unserem grünen Zeichen sind frei von Gentechnik.


SPAR MAHLZEIT!: BEFÜRWORTER DER GENTECHNIK SAGEN, MIT DEM EINSATZ VON GENTECHNIK KÖNNE MAN DEM HUNGER ENTGEGENWIRKEN. WAS HALTEN SIE DEM ENTGEGEN?

MARKUS SCHÖRPF: Dieses Argument wird gerne verwendet: Anfang der 50er-Jahre hieß es: Ohne Kunstdünger kann man die Welt nicht ernähren; dann hörte man: Ohne Spritzmittel werden wir verhungern. Tatsache ist, dass man mit Agro-Gentechnik weder alle satt machen kann, noch der Pestizideinsatz reduziert wird. Fakt ist auch, dass nicht die Großbetriebe die Welternährung sicherstellen, sondern die vielen kleinen Familienbetriebe in Afrika, Indien und Südamerika. Ich meine daher, eine diversifizierte Landwirtschaft ist durchaus in der Lage, auch ohne Gentechnik dem Hunger in der Welt den Garaus zu machen – vorausgesetzt, es gibt auch eine Verteilungsgerechtigkeit.


SPAR MAHLZEIT!: WELCHE BEDROHUNGEN SEHEN SIE FÜR DIE GENTECHNIKFREIHEIT IN DEN NÄCHSTEN JAHREN?

MARKUS SCHÖRPF: Eine große Herausforderung sind schon jetzt die neuen Züchtungstechniken. Dabei handelt es sich um verschiedene molekularbiologische Techniken, mit denen es einerseits einfacher wird, Pflanzen genetisch zu verändern, ohne dabei artfremde DNA einzupflanzen, andererseits wird es schwieriger, diese Veränderungen nachzuweisen. Ob eine natürliche Mutation oder eine bewusste Veränderung vorliegt, kann somit nur schwer festgestellt werden. Hier wird es von essenzieller Bedeutung sein, ob die EU-Kommission diese neuen Techniken dem strengen GVO-Recht zuordnet. Und dann müssen die Labore natürlich dran arbeiten, Werkzeuge zu kreieren, um diese neuen Veränderungen auch nachzuweisen.

VIELEN DANK FÜR DAS GESPRÄCH!