MAHLZEIT! MAGAZIN 03-2017

20 Jahre ARGE - Gentechnik-frei

24.05.2017

Österreich ist ein Vorreiter der europaweiten Positiv-Kennzeichnung von Gentechnikfreien Lebensmitteln. Zu verdanken ist dies massgeblich der Arbeitsgemeinschaft (Arge) Gentechnik-frei, die heuer ihr 20-Jähriges Jubiläum feiert.

Gentechnik war in den Neunzigerjahren ein Riesenthema und Gegenstand heftiger öffentlicher Debatten. In den USA wurde mit gentechnisch veränderten Organismen (GVO) experimentiert. Die Gefahr, dass diese Mikroorganismen und Pflanzen auch bei uns angebaut oder zu uns expor­tiert werden könnten, hing wie ein Damoklesschwert über dem Land. Als Ende 1995 das Forschungszentrum Seibersdorf eine fäulnisresistente Kartoffel mit einem Seidenraupen-Gen freisetzen wollte, und die Tullner Zucker­forschungsgesmbH, eine 50-prozentige Tochter des Stärkeerzeugers Agrana, eine Kartoffel mit verändertem Stärkestoff­wechsel ohne positiven Behördenbe­scheid tatsächlich anpflanzte, setzte im ganzen Land eine große Oppositionswelle ein: Der Anbau und die Freisetzung von gentechnisch veränderten Pflanzen sollten in Österreich verboten bleiben! Der öffentliche Widerstand gipfelte im April 1997 im Gentechnik-Volksbegehren, das mit mehr als 1,27 Millionen Unterschriften als erfolgreichstes parteiunabhängiges Volksbegehren in die österreichische Geschichte einging. Der Gentechnik auf Feldern und Tellern wurde eine klare Absage erteilt.

GRÜNDUNG DER ARGE GENTECHNIK-FREI 
Im Sog dieser aufgeheizten Lage und des sensationellen Ergebnisses beschlossen eine Reihe von Organisationen aus Umwelt, Kirche, Landwirtschaft, die Umweltorganisationen Greenpeace und Global 2000, der Verband Bio-Austria sowie SPAR und einige weitere Unternehmen aus der Lebensmittelbranche, im Juni 1997 selbst aktiv tätig zu werden. Sie haben die unabhängige Plattform ARGE Gentechnik-frei ins Leben gerufen. Ziel dieser Allianz zwischen Wirtschaft, Bauern und Umweltschutz war es, den Markt für gentechnikfrei erzeugte Lebens- und Futtermittel zu erhalten und die Voraussetzungen für eine strenge und rückverfolgbare Kennzeichnungsregelung zu schaffen. Florian Faber, Geschäftsführer und Mitbegründer der ARGE Gentechnik-frei, über die Anfänge: „Die Plattform stand vor großen Aufgaben: Es gab damals europaweit keinerlei Vorgaben für Produktion oder Kontrolle. Wir mussten eigenständig ein umfassendes System entwickeln, das sowohl den Konsumenten als auch den Herstellern Sicherheit und Transparenz ermöglicht. Wir waren da absolute Vorreiter.“ Und Markus Schörpf, Obmann der ARGE Gentechnik-frei, hebt die Bedeutung von SPAR als Gründungs- und Vorstandsmitglied der ersten Stunde hervor: „SPAR hat von Anfang an eine führende Rolle in Aufbau und Entwicklung der ARGE Gentechnikfrei bzw. in der Förderung gentechnikfreier Lebensmittel gehabt, die Entwicklung maßgeblich beeinflusst und wichtige Impulse gesetzt.“

GENTECHNIK IST EINE RISIKOTECHNOLOGIE
Einer der Gründe, weshalb SPAR sich schon damals massiv engagierte, war die Tatsache, dass die potenziellen Gefahren und die möglichen Auswirkungen der Anwendung von Gentechnik nicht abzuschätzen waren – und bis heute nicht sind. Auch der Nutzen für die Konsumenten ist nicht bewiesen. Im Gegenteil: Die Gentechnik ist eine junge und noch zu wenig erforschte Zukunftstechnologie. Deshalb kann nicht ausgeschlossen werden, dass es durch den direkten Eingriff in das Erbgut von Organismen langfristige Veränderungen gibt. So könnten negative Auswirkungen auf das Ökosystem, die Pflanzenphysiologie, die Bodenstruktur und auch auf die Gesundheit des Menschen bzw. des damit gefütterten Tieres die Folge sein. Vor diesem Hintergrund kann man Gentechnik in der Nahrungsmittelkette mit gutem Gewissen als groß angelegten Feldversuch an der Menschheit bezeichnen. Abseits der fehlenden Langzeitforschungen sieht SPAR ein weiteres Problem: Da die Patente auf Gentechnik-Pflanzen weltweit nur von einigen wenigen Agrochemie-Konzernen gehalten werden, droht einerseits eine extreme Abhängigkeit der Landwirte von diesen Saatgut- und Pflanzenschutzmittel- Konzernen, und andererseits das Verschwinden der Artenvielfalt.

LOGO „OHNE GENTECHNIK HERGESTELLT“

Nach langwierigen und schwierigen Auseinandersetzungen, was gentechnikfrei überhaupt bedeuten sollte, legte die ARGE Gentechnikfrei die erste Definition für gentechnikfrei erzeugte Lebensmittel; im April 1998 verabschiedet der Österreichische Lebensmittel-Codex die „Richtlinie zur Definition der Gentechnikfreiheit“. In dieser wurde festgelegt, dass die als „gentechnikfrei“ gekennzeichneten Lebensmittel weder aus gentechnisch veränderten Organismen bestehen noch diese enthalten. Bei ihrer Herstellung ebenso wie bei der Produktion ihrer Zusatzstoffe (z. B. Vitamine, Enzyme, Aromastoffe) dürfen keine gentechnischen Verfahren eingesetzt werden, und bei tierischen Produkten müssen auch die Futtermittel kontrolliert gentechnikfrei sein. Faber: „Der umfassende Kriterienkatalog für Anbau, Produktion und Kontrolle bot Lebens- und Futtermittelproduzenten ebenso wie Konsumenten eine transparente, streng kontrollierte Grundlage für eine bewusste Entscheidung für gentechnikfrei erzeugte Lebens- und Futtermittel.“ Um den Konsumenten eine gut sichtbare, leicht verständliche Orientierungshilfe zu gewährleisten wurde parallel dazu das grüne Kontrollzeichen „Ohne Gentechnik hergestellt“ entwickelt, das den gleichen Standard für Bio-Produkte und konventionelle Lebensmittel enthielt. Damit war das weltweit erste Labeling- System, das sich auf Gentechnikfreiheit bezog, geschaffen.

„GENTECHNIK-FREI“ ALS BRANCHENSTANDARD
Österreich führt als erstes Land der Welt 1999 das „Gentechnik-frei“- Zeichen ein. SPAR hat als erster Lebensmittelhändler weltweit die gesamte Produktlinie seiner Bio-Eigenmarke SPAR Natur*pur durchgehend mit diesem neuen Gentechnik-frei-Zeichen ausgelobt. Zwar mussten Bio-Produkte per Gesetz verpflichtend gentechnikfrei sein, doch vielen Konsumenten war dies zur damaligen Zeit nicht bewusst. Durch die Zusammenarbeit aller Unternehmen in der ARGE Gentechnik-frei ist es in den folgende Jahren gelungen, sowohl die Milchwirtschaft als auch die Frischeier (beides 2010) und die Masthühner (2012) komplett auf gentechnikfreie Erzeugung umzustellen und zum Branchen-Standard zu machen. Das war europaweit einzigartig und führte dazu, dass Gentechnik-Freiheit zunehmend zu einem wichtigen Qualitätsfaktor im europäischen Export wurde. SPAR hat sich außerdem freiwillig dazu bereit erklärt, keine Lebensmittel mehr zu verkaufen, die laut EU-Verordnung als GVO gekennzeichnet werden müssten.

SCHWEINEFLEISCH GENTECHNIKFREIES bei SPAR
Um das von der ARGE Gentechnik-frei propagierte Ziel ins Rollen zu bringen, auch die Schweinemast auf gentechnikfrei umzustellen, macht SPAR bereits jetzt Nägel mit Köpfen und setzt einen Meilenstein für heimisches Premium- Fleisch: Das neue TANN FÜR MEHR TIERWOHL Schweinefleisch mit dem AMA-Gütesiegel ist nicht nur gentechnikfrei, sondern erfüllt zudem ein freiwilliges Extra an Tierwohl. Hubert Stritzinger, Konzernleiter des SPAReigenen TANN-Fleischbetriebes, erklärt: „Tierwohl ist zwar schon in den Basis-Anforderungen zur Erlangung des AMA-Gütesiegels verankert und erfüllt die strikten Auflagen des österreichischen Tierschutz-Gesetzes. Zusätzlich dazu richten wir uns aber auch nach den zwei brandneuen freiwilligen AMA-Gütesiegel-Modulen ,Besondere Fütterung' und ,Mehr Tierwohl'. Das ist nicht nur artgerechter für die Tiere, sondern sorgt auch bei den Konsumenten für ein gutes Gewissen.“

FÜTTERUNG: GENTECHNIKFREI MIT QUALITÄTSSOJA

Das Zusatzmodul „Besondere Fütterung“ zielt insbesondere auf die kontrolliert gentechnikfreie Fütterung der Tiere mit herkunfts- und qualitätsgesichertem Eiweißfuttermittel ab. AMA Qualitätsmanager Martin Greßl: „Ziel dieses Moduls ist einerseits die Absicherung der gentechnikfreien Produktion in der gesamten Lebensmittelherstellung. Die Vielfalt von Saatgut und der GVO-freie Anbau sollen erhalten bleiben, um die Verfügbarkeit von GVO-freiem Soja langfristig sicherzustellen. Andererseits soll damit auch zum Aufbau von Partnerschaften beispielsweise mit Donau Soja oder Europe Soya für eine nachhaltige europäische Futtermittelversorgung beigetragen werden.“ Als Mitglied im Verein Donau Soja, der den Anbau von gentrechnikfreiem Soja in den Donau-Ländern forciert, setzt TANN beim FÜR MEHR TIERWOHLSchweinefleisch auf gentechnikfreies, zertifiziertes Dona Soja. Stritzinger: „Das Soja, mit dem die Schweine gefüttert werden, stammt zu 100 Prozent aus der Donauregion. Ab Juli ist das gentechnikfreie Fleisch mit dem Donau-Soja-Logo auf der Verpackung in allen SPAR-Märkten erhältlich.“

MEHR PLATZ IM STALL FÜR MEHR TIERWOHL
Es ist unbestritten, dass die Tierhaltung auch einen wesentlichen Einfluss auf die Fleischqualität hat. Mit dem Modul „Mehr Tierwohl“ kommt TANN auch einem Konsumentenwunsch nach erhöhtem Wohlergehen der Tiere durch artgerechtere Schweinehaltung entgegen. So haben die Tiere, die dieser freiwilligen neuen AMA-Richtlinie unterliegen, mindestens 60 Prozent mehr Platz im Stall oder im Auslauf und erhalten Stroh oder Heu als Beschäftigungsmaterial. Außerdem muss für die Tiere ein ungestörtes Ruhen auf Liegeflächen, die mit sauberer, trockener Stroh- oder Sägespäneeinstreu ausgelegt sein müssen, gewährleistet sein.