MAHLZEIT! MAGAZIN 01-2018

So ist es der Narren Brauch

01.02.2018

Tradition wird großgeschrieben in der „fünften Jahreszeit“, wie der Fasching auch genannt wird. Das gilt für spektakuläre Fastnachtbräuche ebenso wie für kulinarische Vorlieben in Österreich. 

Seit Wochen haben die Maskenschnitzer in und um das oberösterreichische Ebensee Hochbetrieb. Denn am Rosenmontag ziehen wieder die legendären „Fetzen“ durch den Ort. Die hölzerne Larve, also die Maske, gehört dabei zur Grundausstattung – so wie die abgetragenen Frauenkleider mit den bunten Stoffresten, der verrückte Fetzenhut und der zerschlissene Regenschirm. Derart ausstaffiert wollen die wilden Faschingsgestalten die Dämonen des Winters austreiben sowie guten Wind für Fruchtbarkeit und eine reiche Ernte machen. Höhepunkt des Fetzenzuges ist das „Austadeln“. Dabei sagen die Fetzen ihren Mitbürgern die ungeschminkte Wahrheit. Die persönliche Meinung gibt’s gratis dazu – allerdings alles mit verstellter Stimme, denn die Fetzen wollen nicht erkannt werden. Schließlich gibt es ein Leben nach dem Fasching. Der Ebenseer Fetzenzug wird seit mehr als 125 Jahren gefeiert und gehört inzwischen zum immateriellen Kulturerbe der UNESCO – so wie viele andere österreichische Faschingsbräuche auch.  

Närrisch aus Tradition
Ausgelassene Feste, die als Vorläufer von Fasching, Karneval und Fastnacht gelten, kannte man schon vor 5.000 Jahren in Mesopotamien und später in den antiken Kulturen des Mittelmeerraumes. Im bunten Treiben unserer Tage lassen sich Reste vorchristlicher, keltischer Riten und mittelalterlicher Narrenfeste finden. Während die Kelten den Winter verkleidet und lärmend in die Flucht zu schlagen versuchten, ermöglichten die Narrenfeste in den Kirchen eine „verkehrte Welt“: Die höhere Geistlichkeit wurde aufs Korn genommen, ein Pseudopapst gekürt und man feierte Narren- oder Eselsmessen. Vor allem in alpinen Regionen wird nach wie vor nichts unversucht gelassen, um die kalte Jahreszeit loszuwerden. Das „Faschingrennen“ etwa, das in mehreren Gemeinden des obersteirischen Bezirks Murau veranstaltet wird, ist alles andere als ein Spaziergang. Die farbenfroh maskierten Männer laufen von frühmorgens bis in die Abendstunden von Hof zu Hof. „Bewaffnet“ mit riesigen, bunten Spitzkappen, Schellenkränzen und bunten Stangen sowie Steirerhüten und Kuhglocken wird dem Winter zu Leibe gerückt. Der „Wegauskehrer“ führt den Zug an. Er muss dabei verschiedene Hindernisse überwinden, etwa den Speng, eine in zwei bis drei Metern Höhe gespannte Kette, unter der man nicht unten drunter durchgehen darf. 

Von der UNESCO ausgezeichnet
Noch mehr Aufwand wird beim Ausseer Fasching getrieben, wo die „Maschkera“, die Verkleideten, gleich für drei Tage das Kommando übernehmen. Als Höhepunkt haben die „Flinserl“ am Faschingsdienstag ihren großen Auftritt. In farbenprächtigen, venezianisch anmutenden Glitzertrachten ziehen diese Frühlingsgestalten durch den Ort und verteilen Süßigkeiten. Unterdessen tummeln sich auch die „Pless“ auf den Straßen. Sie tragen weiße Gewänder und über die Köpfe gestülpte Bienenkörbe. Als Repräsentanten des Winters müssen sie sich von den Kindern mit Schneebällen verjagen lassen. Eine Reihe von Faschingsbräuchen, die von der UNESCO als immaterielles Kulturerbe ausgezeichnet wurden, hat Tirol zu bieten. Beim Mullen und Matschgern in den MARTHA-Dörfern (Mühlau, Arzl, Rum, Thaur und Absam) nördlich von Innsbruck tritt eine ganze Riege archaischer Figuren gegen den Winter an, zum Beispiel Hexen, Melcher, Zaggler und Zottler. Die beeindruckendste Gestalt ist der Spiegeltuxer. Er verkörpert mit seinem 12 bis 14 Kilogramm schweren Kopfschmuck Frühling und Sommer. Was das Publikum davon hat? Es darf sich abmullen lassen. Klingt schlimm, ist aber nur ein mehr oder weniger leichter Schlag auf die Schulter, der Glück, Gesundheit und Fruchtbarkeit verheißt. Oft gibt’s als Draufgabe ein Schlückchen aus der Schnapsflasche, die jeder Muller dabeihat. Winter gegen Frühling heißt es auch beim Axamer Wampelerreiten. Bei diesem derben Spektakel versuchen die Reiter die Wampeler auf den Rücken zu werfen. Diese fallen zum Glück weich, denn nicht nur ihre Wampe (dicker Bauch), sondern das gesamte weiße Leinengewand ist dick mit Heu gepolstert. Begleitet wird das Wampelerreiten von „Banden“, die verkleidet durch die Gasthäuser ziehen, zum Tanz aufspielen und das Dorfleben auf die Schaufel nehmen. 

Städtische Feierlaune

In den größeren Städten haben meist die Faschingsgilden das Fastnachtruder in der Hand. Die älteste regiert in Salzburg. Als Narrenhochburg gilt allerdings Kärnten mit dem Villacher Fasching, wo schon seit 1867 der Narrenruf Lei-Lei ertönt. Wer nicht nur lachen, sondern auch das Tanzbein schwingen möchte, kann sich bei einem Gschnas austoben, einem ausgelassenen Kostümfest. Eleganter geht es auf den vielen Bällen zu, die landauf landab veranstaltet werden – mitunter das ganze Frühjahr über. Ein Höhepunkt der Saison ist der Juristenball in der Wiener Hofburg, dessen Tradition bis zum Wiener Kongress zurückreicht. 

Süsse, deftige und fette Speisen
Natürlich darf bei all den kräfteraubenden Faschingsbräuchen auch das leibliche Wohl nicht zu kurz kommen. Allerdings geht es in der fünften Jahreszeit in den Küchen weniger närrisch zu, als man meinen möchte. Erlaubt ist zwar, was schmeckt. Von außergewöhnlicher, karnevalesker Experimentierfreude ist jedoch wenig bekannt. Stattdessen kommt Traditionelles auf den Tisch – überwiegend in Form deftiger Hausmannskost: Fleischgerichte – gerne kombiniert mit Bohnen und anderen energiereichen Hülsenfrüchten. Vom Geselchten mit Sauerkraut über gekochten Schweinsbraten und Stelzen bis zu Eintopfgerichten ist alles willkommen. Eine Sonderstellung in der närrischen Zeit gebührt dem Krapfen. Er allein gilt gemeinhin als typische Faschingsspezialität – auch wenn er heute vielerorts das ganze Jahr über seinen süßen Charme versprühen darf. Der Legende nach sind Krapfen eine Erfindung, die der Wiener Bäckerin Cäcilie Krapf um das Jahr 1690 „passiert“ ist: Sie soll einem Lehrbuben aus Ärger ein Stück Germteig nachgeworfen haben. Doch das Geschoss verfehlte sein Ziel und landete in einem Topf mit heißem Fett, wo es sich in eine goldbraun gebackene Köstlichkeit verwandelte. Nun, ganz so war es wohl nicht, denn schon zur Zeit Karls des Großen erfreute man sich an einem „crapho“ genannten Schmalzgebäck. Im Mittelalter buk man die Leckerei kugelrund. 1486 hat man dann in der „Kochordnung der Stadt Wien“ festgelegt, wie die „Krapfenpacherinnen“, die Krapfenbäckerinnen, ihre Erzeugnisse zu backen hatten. Die Marmeladenfüllung verdanken wir schließlich der bürgerlich-städtischen Kochkunst der Barockzeit, als süße Krapfen eine luxuriöse Nascherei waren. Der nächste Verwandte unseres dicken, marmelade- oder vanillecremegefüllten „Faschingsbrummers“ ist der Bauernkrapfen, auch bekannt als Kiachel oder Schüsselkrapfen: Ein zart-flaumiger, runder Kranz mit einer flachen Mitte, die Platz für allerlei köstliches Füllmaterial bietet, etwa Preiselbeeren oder Marillenmarmelade. Beliebt sind auch geröstete Schwammerl, Speck, Sauerkraut oder Grammeln. Fleischkrapfen stillen im Salzburger Land den pikanten Hunger. Das Funkaküachle in Vorarlberg gibt es nur am Funkensonntag, dem Sonntag nach Aschermittwoch. 

Bauernfastnacht
Fasching in der Verlängerung

In einigen Gebieten Vorarlbergs, der Schweiz und Südwestdeutschlands endet der ganze Trubel nicht am Faschingsdienstag, sondern erst am darauf folgenden Sonntag, dem sogenannten Funkensonntag. Der Grund dafür liegt fast 1.000 Jahre zurück: 1091 beschloss man auf der Synode von Benevent, dass die Sonntage vom Fastengebot ausgenommen sein sollten. Um trotzdem auf 40 Tage Fastenzeit zu kommen, verlegte man deren Beginn einfach vor – auf den heutigen Aschermittwoch. In ein paar Regionen spielten die Menschen da nicht mit, sondern lassen ihre Bauernfastnacht bis heute erst zum ursprünglichen Termin enden.
 

Am Faschingsdienstag ist Schluss
Bei all diesen gehaltvollen Köstlichkeiten ist es kein Zufall, dass wir den letzten Tag des Faschings auch „Fetten Dienstag“ nennen. Bekannt ist auch die französische Variante „Mardi Gras“. Der Name ist weniger ein Hinweis auf den beim Feiern mitunter überbordenden Alkoholkonsum. Er zeigt vielmehr, dass die Menschen am Faschingsdienstag einst noch einmal nach Herzenslust genießen durften, was ihnen dann von Aschermittwoch bis Ostern (theoretisch) versagt blieb. „Wer an Fasnacht nicht isst und trinkt, bis ihm der kleine Finger steht, der wird das ganze Jahr nicht satt oder froh“, soll es früher geheißen haben. Heutige Faschingsnarren erklären die Völlerei gerne damit, dass man zum Feiern eben eine „feste Unterlage“ brauche. Der wahre Ursprung für den Fetten Dienstag liegt wohl eher in längst vergangenen, kühlschranklosen Zeiten. Nicht „fastentaugliche“ Vorräte wie Fleisch, Butter oder Eier wollte man doch lieber verbrauchen als verkommen lassen – eine Überlegung, die im Wort Karneval weiterlebt. Denn der eher in Deutschland übliche Begriff kommt vom lateinischen carne vale, was so viel bedeutet wie „Fleisch, leb wohl“. Auch unseren Fasching verdanken wir dem leiblichen Wohl. Er leitet sich vom Fastenschank ab, dem letzten Ausschank alkoholischer Getränke vor der einst strengen Fastenzeit – last orders, sozusagen.

Aschermittwoch: Die Fastenzeit beginnt
Bier war davon allerdings ausgenommen. Mit dem Bock(bier) braute man extra für die Fastenzeit sogar eine besonders starke Variante. Sie versorgte Mönche und einfache Leute im Mittelalter mit der nötigen Energie für die schwere körperliche Arbeit. Da Wasser oft verschmutzt war, blieb meist nur das Bier als einziges verfügbares sauberes Getränk. Das Fastengebot erstreckte sich vor allem auf alle Fleisch- und Milchprodukte sowie Eier. Was man aus dem Wasser zog, durfte hingegen auf den Tellern landen. Das ehemalige „Arme-Leute-Essen“ Fisch galt somit seit jeher als typische Fastenspeise und entwickelte sich zum beliebten Heringsschmaus am Aschermittwoch. Wohl auch deshalb, weil Hering und andere pikant eingelegte Lebensmittel gegen den Kater helfen, der so manchen an das große Zechen vom Faschingsdienstag erinnert. Neben einer Vielfalt an Fischspezialitäten darf beim Schmaus der traditionelle Heringssalat keinesfalls fehlen. Je nach Region gehören dazu sauer eingelegte Heringe, Salz- oder Bismarckheringe sowie Kartoffeln, gekochte Rote Rüben, Äpfel, Gewürzgurken, Sellerie, Zwiebeln, Essig und Öl oder Mayonnaise.

Bewusst geniessen mit Fastensuppen
Heute wird vor allem dem Wohlbefinden zuliebe die Ernährung für eine gewisse Zeit freiwillig auf Sparflamme zurückgeschraubt. Oft lässt man einfach nur feste Nahrung weg und hält sich an Flüssiges, etwa in Form von Fastensuppen, für die unterschiedliche Rezepturen kursieren. Bekannt ist bei uns etwa die Stosuppe, bei der Sauerrahm in kochendes Wasser eingerührt und mit Salz, Pfeffer und Kümmel gewürzt wird. Vor allem beim Heilfasten wird gerne der Sud von ausgekochtem Gemüse als Fastensuppe getrunken. Etwas gehaltvoller ist die Fastensuppe nach Hildegard von Bingen: Sie enthält neben diversem Wurzelgemüse auch Dinkelkörner. Gewürzt wird vor allem mit Liebstöckel, Galgant und Thymian. Egal wie wir fasten, genießen dürfen wir trotzdem – am besten bewusst und in Maßen. Beim Heringsschmaus am Aschermittwoch können wir das ja schon einmal üben. 

Faschingsumzüge
Eine Auswahl an Festen und Umzügen für alle, die sich im Fasching noch austoben möchten. Viel Zeit bleibt nicht mehr, denn am Aschermittwoch (14.2.2018) ist er vorbei.

Niederösterreich
2., 3.2. Etwas andere Mödlinger Faschingssitzungen
9. – 13.2. Mödlinger Faschingstage
10.2. Buntes Treiben beim Fasching in Litschau
10.2. Faschingsumzug mit Straßenfest St. Pölten
13.2. Faschingsfest „Narrisch drauf – mitten drin“ Waidhofen/Thaya

Salzburg
5.2. Frauenfasching Faistenau
8.2. Faschingsgaudi der Flachgauer Goldhauben, Trachten- und Kopftuchfrauen
9.2. Faschingssitzung Bad Goisern
10.2. Bühnenfasching und Faschingsumzug St. Gilgen
10.2. Sockenball Bad Goisern

Tirol
4.2. Buabefasnacht Imst (Nachwuchs)
4.2. Thaurer Mullerlaufen
8.2. Axamer Wampelerreiten

Vorarlberg
4.2. Faschingsumzug der Spältabürger Feldkirch
4.2. Lochauer Faschingsumzug
8.2. Bratenstehlen in vielen Orten Vorarlbergs

Oberösterreich
11.2. Traunkirchner Mordsg’schicht
12.2. Ebenseer Fetzenzug
13.2. Sierninger Rudenkirtag mit Rudentanz
14.2. Fetzenverbrennen Ebensee am Aschermittwoch

Steiermark
12.2. Faschingsrennen in Ranten, St. Peter am Kammersberg und im Krakautal
12.2. Trommelweiberumzug Bad Aussee
13.2. Flinserlumzug mit Treiben der „Pless“ in Bad Aussee

Kärnten
2., 3., 8., 9., 10.2. Stadtgerücht zu Clagenfurth
3.2. Faschingssitzung Villacher Fasching
10.2. Villacher Faschingsumzug

Burgenland

2.2. Güssinger Faschingskabarett
13.2. Faschingverbrennen Andau

Wien
8.2. Opernball
10.2. Faschingsumzug im Prater
13.2. Döblinger Faschingsverbrennen