MAHLZEIT! MAGAZIN 05-2016

Traditionelle Europäische Heilkunde

02.09.2016

Die heilsame Kraft der Kräuter & Gewürze

In den Kräutergärten des Europaklosters Gut Aich in St. Gilgen werden Heilpflanzen nach alter Tradition angebaut. SPAR Mahlzeit! hat Pater Pausch, Prior des Konvents im Salzkammergut, besucht. 

Plus: Tipps und Rezepte von TEH-Praktikerin und Haubenköchin Johanna Maier.

 

Zwischen Wolfgangsee und Mondsee, an einem alten Pilgerweg in St. Gilgen gelegen, steht das imposante Gut Aich. Ganz in Weiß gekleidet führt uns Pater Johannes Pausch, Benediktinermönch und Prior des Europaklosters, bei strahlendem Sonnenschein durch den wildromantischen Kräutergarten, wo uns der Heilkräuterexperte an Salbei, Alant, Eibisch & Co riechen lässt. Hier scheint tatsächlich gegen fast jedes Zipperlein ein Kraut zu wachsen – auch wenn Pater Pausch es anders ausdrücken würde: „Dieser Ausspruch reduziert die Pflanzen auf ihre Funktionsweise. Aber wir sollten dieses mechanistische Denken hinter uns lassen und sie als individuelle Lebewesen wahrnehmen. Ich würde sagen: Hier wächst für jeden etwas: Hier kann ich meine Ergänzung finden – das, was mir entspricht.“

Garten ist Beziehungsarbeit

In Johannes Pauschs „Kräuterwelt“ erschöpft sich der Wert von Engelwurz, Rosmarin, Schafgarbe & Co nicht in deren Inhaltsstoffen. Für ihn als Benediktiner haben Kräuter eine spirituelle Dimension. „Das ist nicht irgendein Hokuspokus“, wird der Prior deutlicher, „Spiritualität heißt für uns Beziehung. Die Kräuter existieren immer in Beziehung – zum Boden und seinen Organismen oder zur unmittelbaren Umgebung. Sie sind ein Spiegelbild für uns Menschen, denn auch wir leben nie allein, ob wir wollen oder nicht, mit allen schönen Seiten und Schwierigkeiten. Sind wir einmal aus dem Gleichgewicht oder krank, helfen uns Kräuter dabei, wieder in Beziehung zu uns zu kommen. Dafür müssen wir die Pflanzen jedoch ganzheitlich wahrnehmen – sie sehen, riechen, fühlen und schmecken.“

Alles Gute aus dem Kloster

Besonders deutlich zeigen sich die praktischen Auswirkungen anhand der Produkte, die aus den Kräutern hergestellt werden: Gewürzmischungen, Kräutersalze, Liköre, Marmeladen, Tinkturen, Naturkosmetik und vieles andere produzieren die Mönche und ihre Mitarbeiter in traditioneller Handarbeit. Dabei beweisen sie durchaus Sinn für Innovatives, etwa mit dem Thymianspray: Als Mund-, Raum-, Polster- oder Körperspray soll er gegen Halsschmerzen helfen, aber auch Angstzustände vertreiben, innere Stärke verleihen und Achtsamkeit schenken. Noch in Entwicklung: sieben Sprays für Leib und Seele – praktisch und lange haltbar. Pater Pausch überzeugt sich im Selbstversuch von der Wirkung: „Die Düfte lassen einem wirklich das Herz aufgehen. In mir rufen sie immer wieder schöne Kindheitserinnerungen wach.“ Er weiß, worauf es ankommt: „Damit die Pflanzen ihre innerste Wirkung entfalten können, segnen wir sie nach der Ernte. Das heißt, wir sagen etwas Gutes über sie und behandeln sie wertschätzend.“ Deshalb werden alle Produkte gesegnet.

Klosterladen bei INTERSPAR

Um an die Segnungen des Klostergartens zu kommen, muss man zum Glück nicht unbedingt nach St. Gilgen pilgern. Typische, naturbelassene Produkte vom Gut Aich und anderen Klöstern gibt es im Klosterladen in ausgewählten INTERSPAR-Märkten. Pater Pausch ist von der Zusammenarbeit mit SPAR begeistert: „Das Projekt basiert auf kreativem Austausch und Wertschätzung. Unser gemeinsames Anliegen ist, dass es den Menschen gut geht. Jetzt steht der Klosterladen wie eine Insel der Ruhe im Supermarkt. Ein- oder zweimal im Jahr besuche ich einen Markt – zur Verkostung und um Gespräche zu führen.“ Dann erzählt der Prior von der Erweckung seiner Leidenschaft: „Ich war damals sechs Jahre alt. Unser Lehrer, ein alter Pfarrer, kam von seinem Spaziergang immer mit einem Büschel Kräuter zurück. Neugierig wie ich war, hab ich danach gefragt. Da hat er mir ein Heft geschenkt und gesagt: "Da drin kannst du selbst Pflanzen pressen. Ich sag dir dann die Namen und wofür sie gut sind." Von seiner Schwester habe ich schließlich gelernt, die Kräuter mit allen Sinnen wahrzunehmen. Damals hat mich die Leidenschaft für Kräuter gepackt und nie mehr losgelassen.“ 

Drei Mal altes Wissen

Einen echten Boom erlebt seit Jahren das alte Gesundheitswissen Süd- und Ostasiens, überliefert im Ayurveda und in der Traditionellen Chinesischen Medizin (TCM). Dabei wird oft vergessen, dass wir über eine gleichwertige Traditionelle Europäische Heilkunde (TEH) verfügen. Doch im Gegensatz zur TCM folgt die europäische Gesundheitslehre keinem einheitlichen System, sondern fasst unterschiedliche Behandlungsmethoden zusammen, wie Naturheilkunde, Kneipp-Medizin oder Homöopathie. 

Ein wesentlicher Teil der TEH ist die Klosterheilkunde. Als Benedikt von Nursia vor fast 1500 Jahren das erste Benediktinerkloster bei Montecassino in Süditalien gründete, verpflichtete er die Mönche zur Gartenkultur und zur Sorge für die Kranken. Mit ihnen verbreitete sich die Arzneimittelkunde europaweit. Eine Hauptrolle spielt dabei der klösterliche Kräutergarten als Lieferant notwendiger Zutaten. „Im Mittelalter hat ein wichtiger Gärtner unseres Ordens gesagt: 80 Prozent aller Mönche sind stets mit Kräutern und Heilung beschäftigt – vom Gärtner über den Buchbinder bis zum Koch, dem Apotheker und vielen anderen“, berichtet der Pater. Unverzichtbare Grundlagen zur TEH steuerte die „Kräuterheilige“ Hildegard von Bingen vor rund 1000 Jahren bei, ebenfalls eine Benediktinerin. Sie brachte ihren ganzheitlichen Ansatz auf die einfache Formel: Wer gesund sein will, muss in Harmonie mit Gott und der Natur leben. Wie sich das anstellen lässt, können wir in ihren Schriften nachlesen, etwa in „Causae et Curae“ (Ursache und Behandlung). Als Heilsbringer galten ihr neben richtiger Ernährung, einer gott-gefälligen Lebensführung und Spiritualität das Fasten, die Anwendung von Kräutern, Heilsteinen, Bädern und ausleitenden Verfahren (Aderlass). 

Messbare Erfolge

Über Jahrhunderte hinweg haben Mönche und Nonnen ihre Erfahrungen mit dem Anbau und der Anwendung heilsamer Kräuter gesammelt und niedergeschrieben. „Doch ab der Aufklärung setzte man immer stärker auf naturwissenschaftliche Prinzipien. Man wollte die Welt exakt vermessen, abwiegen, zählen“, erläutert Pater Pausch: „Das alte, ganzheitliche Wissen geriet aus dem Sichtfeld der Menschen. Nur die alten ‚Hexen‘ und Kräuterfrauen kannten die Zusammenhänge noch. Teilweise wurde es in den Klöstern weitergegeben.“ Zusammen mit der Klosterheilkunde sind auch Hildegards Rezepte und Weisheiten in einen langen Dornröschenschlaf gefallen. Der rührige Benediktiner kann dieser Entwicklung auch eine positive Seite abgewinnen. Fast spitzbübisch blickt er durch seine Brille und verkündet: „Aber letztendlich hat die Forschung unseren Kräutern wieder zum Durchbruch verholfen. Die Wissenschaft hat endlich herausgefunden, welche Inhaltsstoffe die Pflanzen enthalten und bewiesen, dass sie tatsächlich wirken.“