Pater Johannes Pausch im Interview

05.09.2016

Wie haben Sie die spirituelle Dimension der Kräuter konkret erlebt ?
Bei uns hat früher die Distel ganz arg gewuchert und ich hab gesagt: „Haut sie weg, diese grauslichen Disteln.“ Als ich später an Borreliose erkrankt bin, hat sich herausgestellt, dass ich ausgerechnet diese Kardenwurzel brauchen würde. So sind wir in Beziehung gekommen und ich habe gebetet, dass sie mir hilft und dass sie sich wieder bei uns ansiedelt – was beides auch geschah.

Welche Pflanzen wachsen bei Ihnen ?
Die wichtigsten Naturheilkräuter wie etwa Ysop, Thymian, Quendel, Bohnenkraut und Oregano. Ihnen wird eine besondere Heilkraft zugesprochen und sie gelten als Impulsgeber für ein harmonisches Leben mit Gott und der Natur und schaffen neue Zugänge zu einer körperlich-seelischen Gesundheit.

Wie natürlich dürfen Ihre Kräuter wachsen ?
So natürlich wie in der freien Natur. Wir setzen auf Nutztiere wie etwa Laufenten, die die Schnecken fressen. Die chemische Keule hat bei uns nichts zu suchen. Das war schon bei den Franziskanerinnen so, die ihre Gärten hier vor rund 50 Jahren angelegt haben. Es wurden nie Unkraut- oder Schädlingsvernichter eingesetzt. Kunstdünger hätten sie sich auch gar nicht leisten können. Stattdessen verwendeten sie selbst hergestellten Kompost. Wir führen diese Tradition weiter.

Gibt es einen Unterschied zwischen Wild- und Kultivierten Kräutern ?
Wenn artgemäß angebaut wird, nicht; bei Plantagenanbau schon. Außerdem kommt es auf den richtigen Ort an. Die Leute glauben, Kräuter brauchen einen tollen, nahrhaften Boden. Keineswegs! Oft genügt für Heilkräuter ein Schutthaufen, um zu gedeihen.

Wie stehen Sie zu giftigen Kräutern ?
Die Dosis macht das Gift, die Kräuter an sich sind nicht giftig. Nur wenn ich sie nicht ganz wahrnehme und deshalb falsch anwende, dann wirken sie giftig. Sehen wir nur die Äußerlichkeiten der Heilpflanzen, erahnen wir nicht ihre Tiefe und Wirkungsvielfalt. Klassisches Beispiel: Der Hahnenfuß auf den Wiesen. Pur genossen ist er giftig, aber die Homöopathie macht ihn zu einem Heilmittel, etwa bei Gürtelrose.

Warum haben Sie im August einen weiteren Kräutergarten eröffnet ?
Die Menschen sollen noch mehr mit den Heilkräutern, ihrer Geschichte, Symbolik und Wirkungsweise vertraut werden. Als leidenschaftlicher Pflanzenliebhaber freut es mich deshalb ganz besonders, dass wir hier nicht nur für die Pflanzen, sondern auch für die Besucher einen neuen Platz schaffen konnten. Dadurch erfahren die Klostergärten in Gut Aich einen neuen Impuls, der sich in der bunten und vielfältigen Auswahl an natürlichen Heilkräutern widerspiegelt.

Spüren Sie einen Trend zur Rückbesinnung an alte Heilkünste ?
Als das Kloster 1993 gegründet wurde und wir den ersten großen Kloster-Kräutergarten nach 200 Jahren angelegt haben, wurden wir noch belächelt. Heute ist das Interesse riesig – ein regelrechter Flächenbrand. Kräuter sind nicht mehr wegzudenken – weder aus der Küche noch aus der Heilkunde.

Welches ist denn Ihr Lieblingskräutlein ?
Das kann ich schwer beantworten, ich mag sie alle. Wenn ich sage, dass das Gänseblümchen mir besonders nahe und wichtig ist, dann schauen mich die anderen Pflänzchen an und sagen: „Und wir?“ 

Welche Pläne haben Sie als nächstes ?
Ich will an dem Bewusstsein arbeiten, dass jedem von uns Lebenszeit zur Verfügung steht, die wir gebrauchen können. Ich nehme mir vor, jeden Augenblick des Lebens bewusst anzunehmen und zu gestalten. Und ich möchte öfter Pause machen, denn Pausen sind die Quellen der Kreativität.