Gelebte Integration

23.03.2015

SPAR und Caritas Wien sichern in Bad Pirawarth gemeinsam die Nahversorgung und schaff en für vier Lehrlinge mit intellektueller Behinderung einen Ausbildungsplatz.

In einer einzigartigen Kooperation zwischen der Caritas Wien und SPAR wurde am 25. Mai 2013 in Bad Pirawarth im Weinviertel ein neuer SPAR-Markt eröffnet, der nicht nur die Nahversorgung der rund 2.000 Ortsbewohner sichert, sondern auch vier jungen Menschen mit leichter intellektueller Behinderung einen Ausbildungsplatz bieten soll. Der Lehrabschluss soll diesen Menschen den Einstieg in die Berufswelt ermöglichen. In SPAR Mahlzeit! ziehen Ott o Lambauer von der Caritas Wien und Sandra Huber, Filialleiterin des SPAR-Marktes Bad Pirawarth, ihr erstes Resumee. SPAR Mahlzeit!: Seit fast zwei Jahren betreibt die Caritas Wien den SPAR-Markt Bad Pirawarth. Mit welchen Erwartungen und Zielen haben Sie das Projekt gestartet? Ott o Lambauer: Wir wollten, so wie in anderen Bundesländern, auch hier in Niederösterreich einen SPAR Markt betreiben, der Lehrlingen mit intellektueller Behinderung eine Lehre ermöglicht. Das zweite Ziel war, die Nahversorgung im Ort aufrechtzuerhalten. Das ist vor allem für die älteren Menschen aus der Umgebung sehr wichtig. Das war auch der Wunsch der Gemeinde Bad Pirawarth, die dieses Projekt in der Entstehung stark gefördert hat. Und schließlich haben wir die Arbeitsplätze für die Mitarbeiter des Marktes geschaffen, die sonst möglicherweise pendeln müssten.

SPAR Mahlzeit!: Welche Ausbildung bieten Sie für intellektuell behinderte Menschen an?
Lambauer:
Wir bieten drei Ausbildungsmodelle an: eine Lehre mit verlängerter Lehrzeit, eine Teilqualifizierungslehre und die Anlehre zur qualifizierten Verkaufshilfskraft.

Sandra Huber: Unser Lehrling Simone Zillinger, die seit 2013 bei uns lernt, macht beispielsweise eine Teilqualifizierungslehre. Sie wird aufgrund ihrer kognitiven Behinderung keine Berufsschule abschließen können und lernt deshalb nur, wie man den Markt sauber hält und wie man die Regale betreut. Raphael Freystätt er, der seit einigen Wochen bei uns ist, soll eine verlängerte Lehre machen. Das bedeutet, dass er für seinen Abschluss zum Lebensmitteleinzelhandelskaufmann nicht drei, sondern wahrscheinlich vier Jahre braucht. Aber ich bin sicher, dass die beiden hier eine gute Ausbildung bekommen und man ihnen später auch eine gewisse Verantwortung übertragen kann.

SPAR Mahlzeit!: Worin liegt der Vorteil einer Lehre hier bei Ihnen im Gegensatz zum Arbeiten in einer geschützten Werkstatt ?
Lambauer: Zum einen ist es für das Selbstwertgefühl des Lehrlings gut, dass er sagen kann, er geht bei SPAR arbeiten, weil das impliziert, dass er auch selbstständig ist. Zum andern sind die Lehrlinge bei uns auch mehr gefordert, wodurch sie auch mehr lernen. Also wenn etwa Simone keine Lust zum Arbeiten hat, dann darf sie in einer Werkstatt etwas anderes machen. Bei uns muss sie ihren Job trotz allem machen, weil sie wie eine normale Arbeitskraft eingesetzt ist.

»Das Projekt kann nur funktionieren, wenn auch die Bevölkerung aus der näheren Umgebung dahintersteht und hierher einkaufen kommt.«
OTTO LAMBAUER, CARITAS WIEN

SPAR Mahlzeit!: Wie zufrieden sind Sie mit dem Projekt bisher?

Lambauer: Sehr zufrieden bin ich mit dem Team. Die sechsköpfige Mannschaft rund um Filialleiterin Sandra Huber leistet wirklich tolle Arbeit. Neben ihren täglichen Pflichten im Markt kümmern sie sich auch intensiv um Simone und Raphael, damit sich die beiden gut zurechtfinden.

Huber: Ja, das ist eine sehr verantwortungsvolle Aufgabe und eine große Freude, wenn man sieht, dass sie wieder etwas dazugelernt haben und wie sie sich darüber freuen. Auf der anderen Seite brauchen wir aber auch viel Nervenstärke. Denn die beiden denken etwas langsamer als wir und sie verstehen unsere Anweisungen zeitweise erst nach dem dritten oder vierten Mal. Deshalb müssen wir alles mehrmals wiederholen, bis sie es richtig verstanden haben bzw. richtig machen. Und viel Zeit müssen wir auch zum Nachkontrollieren aufbringen.

SPAR Mahlzeit!: Wie wird der Markt von der Bevölkerung angenommen?

Huber: Die meisten Menschen aus der Umgebung sind froh, vor allem die älteren, dass es uns gibt. Raphael hat unlängst einem 80-jährigen Herrn seinen Einkauf nach Hause getragen, da haben sich beide richtig angefreundet. Simone ist aus dem Ort, da kommen auch manchmal die Kunden ins Plaudern mit ihr. So wird der SPAR zu einer Art kommunikativem Treffpunkt. Aber es gibt auch Leute, die ungeduldig werden, wenn sie beim Gebäck länger warten müssen, weil Raphael die Produktcodes noch nicht richtig in die Kassa eintippen kann.

Lambauer: Da müssen wir noch mehr Aufklärungsarbeit leisten, denn offenbar wissen einige noch nicht, dass wir hier einen besonderen SPAR-Markt betreiben. Wir wollten das eigentlich nicht so betonen. Aber wenn die Konsumenten nicht informiert sind, dann fehlen manchmal die Toleranz und das Verständnis.

SPAR Mahlzeit!: Sie bringen den Lehrlingen viel bei. Gibt es etwas, was Sie von den Lehrlingen lernen?

 Huber: Wovon ich sehr profitiere, ist die besondere Achtsamkeit und Wertschätzung, mit der sich die Menschen hier begegnen. Ich lerne außerdem, geduldig zu sein und auch kleine Erfolge zu schätzen. Also meine soziale Kompetenz wird hier sehr stark ausgeprägt.

SPAR Mahlzeit!: Wie läuft die Zusammenarbeit mit SPAR?

Lambauer: Wir werden von SPAR mit viel Know-how unterstützt. Dafür sind wir sehr dankbar. Am wichtigsten ist aber, dass die Lehrlinge und Mitarbeiter stolz sind, hier arbeiten zu können, und dass die Menschen mit intellektueller Behinderung unter realen Arbeitsbedingungen in einem normalen Lebensmittelmarkt ausgebildet werden.

SPAR Mahlzeit!: Danke für das Gespräch!