Was steckt in unserem Essen?

22.01.2015

Am 13. Dezember 2014 trat die neue EU-Lebensmittelinformationsverordnung in Kraft. Damit gelten europaweit einheitliche Regeln zur Kennzeichnung von Lebensmitteln. Sie sollen mehr Klarheit für Konsumenten bringen. 

Wir leben in einer Zeit, die durch Schnelllebigkeit und innovative Neuerungen geprägt ist. Der rasante technische Fortschritt zwingt die Menschen ebenso zu Veränderungen wie der fortschreitende Wandel der sozialen Strukturen. Damit einhergehen auch Umstellungen in der Ernährung. In der Hektik des (Berufs-) Alltags wird heute weniger selbst gekocht als früher. Stattdessen gehen die Menschen ins Restaurant ums Eck, greifen zu schnellen Snacks oder bevorzugen Convenience- und Fertiggerichte. Oft können sie dabei die Qualität der Produkte nicht abschätzen oder wissen nicht genau, woraus sie bestehen. Zusatz- und Aromastoff e, durch die Lebensmittel schmackhaft er und haltbar gemacht werden, können ebenfalls leicht über den wahren Inhalt hinwegtäuschen. Aber: Wer nicht weiß, was er isst, läuft Gefahr, sich falsch zu ernähren. Die zunehmende Zahl an ernährungsbedingten Erkrankungen wie  Diabetes, Adipositas und Allergien ist ein deutliches Alarmsignal dafür, dass dem so ist. Genau hier setzte die EU mit der neuen Lebensmittelinformationsverordnung (LMIV) an, die seit 13. Dezember letzten Jahres einheitlich in ganz Europa gilt.

KENNZEICHNUNG VON 14 ALLERGENEN
Die neue Verordnung zielt darauf ab, Konsumenten besser, umfassender und europaweit einheitlich über Inhaltsstoff e, Nährwerte, Herkunft und Haltbarkeit verarbeiteter Lebensmittel zu informieren. Deshalb sind jetzt alle Lebensmittelhändler, Produzenten, Bäckereien, Konditoreien, Fleischhauer und Gastronomen verpflichtet, ihre Produkte nach der neuen Verordnung zu kennzeichnen. Die wichtigste Neuerung ist zugleich die weitreichendste: Konsumenten müssen darüber informiert werden, ob und welche Allergie auslösenden Stoffe im Lebensmittel oder im Gericht enthalten sind. Das heißt, dass bei verpackten oder verarbeiteten Nahrungsmitteln die 14 Hauptallergene – Gluten, Krebstiere, Eier, Fisch, Erdnüsse, Soja, Milch, Schalenfrüchte, Sellerie, Senf, Sesam, Schwefeldioxid und Sulfite, Lupinen und Weichtiere – in der Zutatenliste auf dem Etikett gut zu erkennen sein müssen – beispielsweise durch fett e Schrift oder eine andere Schrift art. Über „lose Ware“ an der Frische und Feinkosttheke in Bedienung im Supermarkt wie etwa Brot, Gebäck, Kuchen, Pasteten, Aufstriche, Fleisch und Wurstwaren sowie Feinkostsalate, müssen entweder Prospekte, Schilder oder der Verkäufer Auskunft geben. Das Gleiche gilt für Restaurants, Eisdielen oder Würstelbuden: Auch hier muss entweder mündlich oder auf der Speisekarte – mittels Buchstabencodes oder voll ausgeschrieben – über die Inhaltsstoff e aufgeklärt werden. Diätologin Maria Benedikt begrüßt den Vorstoß der EU: „Für Allergiker und Menschen mit Zöliakie oder Laktoseintoleranz bringt diese neue Verordnung mehr Sicherheit sowohl beim Einkauf als auch beim Genuss. Denn jetzt weiß man ganz genau, was im Produkt drin ist.“ Primar Karl Zwiauer, Leiter der Kinder- und Jugendabteilung des Universitätsklinikums St. Pölten  steht der Verordnung kritischer gegenüber: „Es ist zu befürchten, dass es zu einer zunehmenden Pathologisierung von Lebensmitteln und dem Essen kommen kann.“ Denn, so der Experte: „Weizen, Erdnüsse und Eier sind an und für sich für die überwiegende Mehrzahl der Menschen keine krank machenden Lebensmittel. Durch die hervorgehobene Kennzeichnung bekommen diese Inhaltsstoff e aber möglicherweise einen Stellenwert, der einer Warnung vor ihnen nahekommt.“

 PRO UND CONTRA HALTEN SICH DIE WAAGE

Auch bei den weiteren Neuerungen gehen die Meinungen auseinander. Während es einerseits begrüßenswert ist, dass auf den Etikett en zwischen pflanzlichen und tierischen Fett en unterschieden werden muss, Pflanzenöle einzeln angeführt sein müssen und gehärtete Fett e genauer zu deklarieren sind, bleibt andererseits die Frage unbeantwortet, worin der Unterschied zwischen Bezeichnungen wie „ganz gehärtet“ und „teilweise gehärtet“ besteht, und welchen konkreten Nutzen der  SPAR Konsument aus dieser Information ziehen soll. Positiv bewerten Zwiauer und Benedikt, dass auf den Produktetikett en irreführende Informationen jetzt verboten sind. So sind etwa Hinweise auf eine vermeintlich gesundheitsfördernde Wirkung eines Lebensmittels, die nicht wissenschaftlich bewiesen ist, ebenso untersagt wie Bilder oder Flaggen, die eine Täuschung über die tatsächliche Herkunft der Ware möglich machen.

ENORMER AUFWAND FÜR KLEINE UNTERNEHMEN

Während für die Konsumenten und Lokalgäste der eine oder andere Mehrwert dieser neuen Transparenz nachvollziehbar ist, sind die Nachteile für Händler, Produzenten und die Gastronomie gewaltig. Die Lebensmittelhändler müssen unter großem Kostenaufwand eine Vielzahl von Etikett en neu ausgestalten, die Hersteller umfangreiche Listen über die Inhaltsstoff e ihrer Produkte anlegen, und die Köche müssen für jedes Gericht und Getränk die enthaltenen Allergene bzw. die Allergen-Buchstabencodes – gemeinsam mit der Legende – anführen. Allein die Grundrezepte – etwa für Suppen, Saucen und Dressings – sind zeitaufwändig, müssen stimmen und in weiterer Folge auch eingehalten werden. Eine Einschränkung in der Kreativität speziell bei sich schnell drehenden Angeboten wie Buffets und Caterings liegt auf der Hand. Leidtragende sind vor allem auch kleine Lieferanten wie Bäckereien oder Konditoreien, die mit der Bürokratie und dem zeitlichen sowie personellen Arbeitsaufwand schlicht überfordert sind. Denken Sie an die Lagerung, die Kühlräume, die Maßnahmen, um Kreuzkontaminationen zu vermeiden. Benedikt: „Diese Hürden bergen auch die Gefahr, dass die Produkte von kleinen regionalen Produzenten, aber auch von Herstellern aus dem EU-Ausland aus den Regalen verschwinden.“ Denn, erklärt Benedikt: „Lebensmittel aus Nicht-EU-Ländern wie etwa der Schweiz müssen seit 13. Dezember eine EU-Adresse auf dem Produkt aufweisen. Das bedeutet, dass viele Firmen in der EU eine Tochterfirma gründen müssen, um weiter in die EU exportieren zu dürfen. Aber nicht alle können sich das leisten.“