"Hände weg von unserem Saatgut!“

30.12.2013

Die europaweit geplante Verordnung zu Saat- und Pflanzgut stößt auf immer größeren Widerstand. 

Nach dem medialen Vorstoß von ARCHE NOAH, GLOBAL 2000, SPAR und der Kronen Zeitung gegen die geplante EU-Saatgutverordnung, die eine Bedrohung für Europas Obst-, Gemüse- und Getreidevielfalt darstellt, formiert sich eine breite Front gegen das geplante Gesetz. In einem Round Table unter der Leitung von SPAR Mahlzeit!-Chefredakteurin Carmen Wieser beleuchten Beate Koller, Geschäftsführerin des Vereins ARCHE NOAH, Reinhard Uhrig, Geschäftsführer von GLOBAL 2000, Heinz Reitbauer, 4-Hauben-Koch im Wiener Restaurant Steirereck, Bio-Landwirt Erich Stekovics, Meisterbrenner und Getreidebauer Hans Reisetbauer und SPAR Vorstandsvorsitzender Dr. Gerhard Drexel das Thema aus verschiedenen Perspektiven, diskutieren über die Folgen und halten gemeinsam ein Plädoyer für die Sortenvielfalt.

SPAR Mahlzeit!: Die geplante EU Saatgutverordnung diskriminiert Vielfaltssorten von Obst, Gemüse und Getreide und bringt für kleine Bauern eine Bürokratielawine und finanzielle Hürden mit sich, die der Agrar-Industrie mit ihren Hochleistungssamen in die Hände spielt. Was können wir dagegen tun? Beate Koller: Am wichtigsten ist es, dass sich so viele Menschen, Organisationen, Bauern, Medien und Unternehmen wie möglich in Österreich und Europa lautstark dagegen wehren: Durch Proteste, Briefe und E-Mails an die Parlamentarier sowie Unterschriftenaktionen wie auf www.krone.at/vielfalt oder im aktuellen SPAR Mahlzeit!. Denn dann müssen die EU-Politiker, bei denen der Entwurf derzeit zur Begutachtung liegt, darauf reagieren und eine Entschärfung oder Ablehnung in Betracht ziehen.

Reinhard Uhrig: Denn sonst würde unserer Umwelt irreparabler Schaden zugefügt: Viele Obst-, Gemüseund Getreidesorten wären vom Aussterben bedroht, womit auch vielen Tieren wie etwa Bienen, Insekten und Vögeln die Überlebensgrundlage entzogen würde. Noch dazu, wenn sie in Zukunft nur mehr Monokulturen vorfinden, die längst nicht ausreichende und abwechslungsreiche Nahrung für das ganze Jahr über liefern.

Erich Stekovics: Nicht nur die Tiere, auch alle betroffenen Bauern träfe die Verordnung wie ein K.-o.-Schlag. Ich als mittelständischer Bio-Landwirt könnte meine Pflanzen nicht mehr in den Handel bringen oder direkt an meine Kunden verkaufen. Die Registrierung all meiner alten Sorten würde viel zu viel Arbeitszeit beanspruchen und viel zu viel Geld kosten. Die Verordnung würde ein wichtiges Standbein meines Betriebes zerstören und de facto das Ende meiner Landwirtschaft bedeuten.

Koller: Genau deshalb fordern wir, dass die Verordnung die international anerkannten bäuerlichen Rechte, eigenes Saatgut zu tauschen und zu verkaufen, respektieren muss. Und: Vielfalt ist die Regel in der Natur, genetische Uniformität und Stabilität die Ausnahme. Es braucht eine echte Alternative zum verpflichtenden Zulassungssystem mit seinen restriktiven Normen. Die vorgeschlagenen Ausnahmeregelungen sind nur Kosmetik – sie greifen zu kurz.

Stekovics: Ja, denn man müsste etwa beweisen, dass die Saaten immer schon in der Region beheimatet waren. Für alte Tomaten- und Chili-Sorten, die vor hunderten Jahren durch Christoph Kolumbus zu uns gekommen sind, ist das unmöglich. Ich meine, ich kann vieles, aber dass ich Kolumbus zu einem Burgenländer mache, wird mir nur schwer gelingen. Natürlich gewachsene Sorten haben beispielsweise auch unterschiedlich große Früchte, die nicht in die Normvorgaben der EU passen und so keine Zulassung bekommen würden. Und wenn ich sie nicht registrieren kann, darf ich sie nicht weitergeben oder weiterverkaufen.

Uhrig: Wenn wir uns den fortschreitenden Klimawandel weltweit anschauen, wird es notwendig sein, dass unser Saatgut in der Lage ist, sich an diese sich verändernde Umwelt anzupassen, um robust, krankheitsresistent und überlebensfähig zu bleiben. Dazu braucht es unbedingt den reichen Schatz an vielen verschiedenen Pflanzen, die sich auf die verschiedensten Regionen und neue klimatische Bedingungen einstellen können. Industrielle Hybridsorten sind vor allem auf hohe Erträge gezüchtet. Dadurch sind sie aber oft wesentlich weniger widerstandsfähig und krankheitsanfälliger.

Stekovics: Und die müssen dann mit noch mehr Pflanzenschutzmitteln, die ebenfalls von den großen Konzernen hergestellt werden, gespritzt werden, um sie vor Schädlingen zu schützen. Das schadet erst recht der Umwelt, den Menschen und den Tieren.

Koller: An diesem Punkt erkennt man deutlich, dass hier eindeutig ein Vorteil für die großen Saatgutkonzerne geschaffen wird. Befremdlich ist dabei allerdings, dass die EU Kommissare, die den Entwurf ausgearbeitet haben, angeben, dass diese Verordnung dem Schutz der Konsumenten und der Landwirtschaft dient.

Hans Reisetbauer: Ich finde es sehr wichtig, dass wir Getreidebauern auf zertifiziertes Saatgut zurückgreifen können, damit wir wissen, welche Sorte für welche Bodenbeschaffenheit am geeignetsten ist. Ich glaube auch, dass eine totale Liberalisierung ein Fehler wäre, denn dann könnte möglicherweise gentechnisch verändertes Saatgut in Österreich auftauchen.

Koller: Es gibt viel Platz zwischen einem de facto alternativlosen, verpflichtenden Registrierungssystem und der totalen Liberalisierung. Bei der geplanten Verordnung wird alles Saatgut bereits vor dem Markteintritt so scharf geprüft, als ob es ein Medikament wäre. Nicht einmal Lebensmittel, die viel unmittelbarer auf die Gesundheit wirken können, werden so streng geregelt wie das Saatgut. Der Preis: Viele kleine Anbieter können da nicht mit, Vielfalt verschwindet. Man sollte transparent kennzeichnen, die Bauern informieren und selbst entscheiden lassen, welches Saatgut sie wollen.

Heinz Reitbauer: Auch für mich ist ganz klar, wenn man für große Anbauflächen eine Sicherheit bekommen möchte, dann nimmt man zertifiziertes Saatgut. Diese Art von Absicherung gibt es auch in der Gastronomie: Wenn ich eine große Schnitzel-Kette aufmache und viel frittieren muss, nehme ich ein Öl, von dem ich ganz sicher weiß, wie hoch sein Rauchpunkt ist, wie es schmeckt, wie lange es haltbar ist. Und dafür braucht es gesetzliche Prüfverfahren. Aber ich denke nicht, dass es für seltene, kaltgepresste Öle, die nur in kleinen Mengen regional hergestellt werden und die nur von wenigen Menschen benützt werden, dieselben aufwändigen Prüfverfahren geben muss.

Koller: Denn selbst bei zertifiziertem Saatgut gibt es keine hundertprozentige Sicherheit, wie gut es unter lokalen Bedingungen funktioniert. Meist bringen diese Sorten nur unter optimalen Bedingungen und mit den entsprechenden Düngemitteln und Pestiziden die versprochene Leistung.

Reisetbauer: Ich glaube, wir sind uns alle einig, dass es gewisse Qualitätsanforderungen und -standards in puncto Lebensmittelsicherheit geben muss, um etwa gentechnische Verunreinigungen von Saatgut zu vermeiden, und auch, um zu gewährleisten, dass keine gesundheitliche Bedrohung vom Saatgut ausgeht. Aber muss das auf Kosten der Vielfaltssamen sein? SPAR Mahlzeit!: Sollte das EU-Gesetz nicht vielmehr so formuliert werden, dass beides nebeneinander existieren kann?

Gerhard Drexel: Das ist unbedingt notwendig und wünschenswert. Denn wenn nur die wenigen großen Industrie-Konzerne weltweit das Saatgut kontrollieren, dann haben sie auch die Kontrolle darüber, was die Landwirte anbauen, was das Saatgut kostet und in letzter Konsequenz auch, welche Lebensmittel dann noch auf den Markt kommen. Das würde auf den Punkt gebracht bedeuten: EU-Einheitsgemüse statt regionaler Vielfalt, steil ansteigende Saatgutpreise, die dann über die Nahrungsmittelkette zu stark steigenden Lebensmittelpreisen führen müssen. Und das wollen wir wohl wirklich nicht haben, dass wir künftig nur noch diese Einheitskost bekommen – und diese dann auch noch mehr kostet. Darum kann ich in Richtung EU nur sagen: Hände weg von unserem Saatgut!

Reitbauer: Dieses Einheitsobst und -gemüse wäre auch eine einzige Katastrophe für die Identität unserer regionalen Küchen. Das gilt natürlich für die europäische Gastronomie insgesamt. Denn was macht denn die Einzigartigkeit unserer heimischen Küche aus? Es sind die regionalen und oft sogar nur lokalen Sorten, die eben nur genau bei uns und sonst nirgendwo wachsen, und um die wir weltweit beneidet werden.

Drexel: Und aus denen Spezialisten wie Erich Stekovics oder Hans Reisetbauer unschlagbar gute Produkte wie Bio-Chilipasten oder Obstbrände produzieren, auf die wir in unserem Sortiment keinesfalls mehr verzichten möchten.

Stekovics: Es kommt mir vor, als ob die Behörde sagt, wir nehmen euch eure Kinder weg, und schauen, dass wir diese Kinder zentral und unter einheitlichen Normen erziehen, damit alle die gleichen Chancen haben, weil bei dieser Vielfalt in den Familien wird nichts aus den Kindern.

Koller: An dieser Stelle nochmals zu den viel besprochenen Ausnahmen: Die Landwirte dürften ihr Saatgut auch nicht mehr an SPAR verkaufen, egal wie groß sie sind. Denn in der EU-Verordnung steht drinnen, dass die Abnehmer nicht mehr als zehn Mitarbeiter beschäftigen dürfen und nicht mehr als zwei Millionen Jahresumsatz erwirtschaften dürfen.

Drexel: Das ist aberwitzig. Das ist eine Verurteilung zum Zwergsein – und es ist der Tod der klein strukturierten Landwirtschaft. SPAR Mahlzeit!: Was würde das für die Konsumenten bedeuten?

Drexel: Wir könnten den Wunsch der Konsumenten nach traditionellen Getreidesorten oder seltenen Bio-Kartoffeln sowie nach regionalen Obst- und Gemüseprodukten nicht mehr erfüllen. Anders gesagt: Die regionalen und lokalen Lieblingsprodukte von acht Millionen Österreichern, die wir im Sortiment unserer 1.500 SPAR-Märkte führen, gäbe es dann nicht mehr in den Regalen – unwiderruflich, weil es die EU verbietet!

Reisetbauer: Apropos Kundennachfrage nach regionalen Produkten: Hier möchte ich anmerken, dass es auch viele Konsumenten gibt, die lieber zu Obst und Gemüse greifen, das schön gleichmäßig aussieht, möglichst keine Dellen hat und ewig haltbar ist. Und wenn es geht, sollte es auch noch billig sein. Das heißt, sowohl die Konsumenten als auch der Lebensmittelhandel, der diesen Wünschen ebenfalls nicht abgeneigt war, haben schon auch ihren Teil dazu beigetragen, dass die Entwicklung hin zum Einheitsgemüse vorangetrieben wurde.

Drexel: Sie haben recht, alles im Leben hat zwei Seiten. Aber ich sage: Jede Seite hat ihre Daseinsberechtigung. Und das fordere ich auch von der EU ein. Bis jetzt konnten die regionalen, bäuerlichen Sorten-Raritäten neben dem Einheitsgemüse existieren. In Zukunft würden durch die EU-Verordnung diese de facto verdrängt werden – und alle Macht wäre dann in den Händen einiger riesengroßer Agro-Chemie-Konzerne. Es kann doch nicht sein, dass jetzt, wo alle erkannt haben, dass wir umsichtig und nachhaltig mit unserer Umwelt und unseren Ressourcen umgehen müssen, Regionalität und Vielfalt per EU Verordnung für immer ausgelöscht werden.

Reitbauer: Nicht zu vergessen, dass diese hochgezüchteten Früchte alle relativ geschmacklos bzw. einheitlich im Geschmack sind, und dass die Konsumenten wohl auch deshalb wieder vermehrt nach regionalen Produkten verlangen. Einfach, weil sie auch besser schmecken.

Uhrig: Ich finde es begrüßenswert und wichtig, dass der Lebensmittelhandel vielfältige und regionale Produkte anbietet. Es stimmt schon, wir Konsumenten sind viele Jahre lang auf einfache, uniforme und – im Gemüsebereich sehr auffallend – schöne Produkte, also auf A+-Ware konditioniert worden. Aber die Zeiten haben sich eben geändert, die Konsumenten haben erkannt, dass Nachhaltigkeit und Umweltbewusstsein wichtig sind.

Reitbauer: Ich sehe noch ein weiteres großes Problem auf uns zukommen: Österreich wird als kulinarische Reise-Destination austauschbar, wenn die Verordnung wie geplant umgesetzt wird. Das schadet der Wirtschaft und dem Tourismus. Denn die Touristen kommen auch, manchmal sogar ausschließlich, wegen des guten Essens zu uns. Aber mit dem Wegfall von landesspezifischen Produkten verlieren wir unsere Einzigartigkeit – und damit können wir unseren Gästen keinen kulinarischen Anreiz mehr bieten. Ich kenne sehr viele Köche weltweit, aber ich kenne fast niemanden, der international ein Standing hat mit einem austauschbaren Produkt. Deshalb sind auch die Touristiker in unserem Land gefordert, nicht nur die Politik, hier aufzubegehren. Und nicht nur für Österreich, sondern eigentlich für Europa.

Drexel: Deshalb müssen wir alle gemeinsam, auch in Hinblick auf die nachfolgenden Generationen, unbedingt unsere Stimme erheben.

SPAR Mahlzeit!: Ich danke Ihnen allen für diese interessante Diskussion.