Saatgut-Vielfalt in Gefahr

31.12.2013

Die EU plant eine umstrittene Verordnung zu Saat- und Pflanzgut. Aufwändige, EU-weit vereinheitlichte Regeln für Obst-, Gemüse- und Getreidesorten könnten deren Verfügbarkeit drastisch einschränken und für viele seltene heimische Sorten und die daraus hergestellten Lebensmittel gar das Aus bedeuten.  

Kochen Sie gerne mit der „Roten Wiener“ Küchenzwiebel, oder essen Sie am liebsten den „Blauen Speck“-Kohlrabi oder die „Rote Emma“-Kartoffel, sind Sie ein Fan der „Ochsenherz“- Fleischtomate oder des „Ochsenhorn“- Paprika? – Dann sollten jetzt bei Ihnen alle Alarmglocken schrillen! Denn diese und viele andere traditionelle, seltene regionale Gemüse-, Obst- und Getreidesorten haben eines gemeinsam: Es könnte sie bald nicht mehr geben! Auch herrliche Produktspezialitäten wie etwa die SPAR PREMIUM Bio-Chilipaste von Erich Stekovics oder die Edelbrände von Hans Reisetbauer könnten aus den Regalen verschwinden.  

Einheitsgemüse statt Sorten-Spezialitäten 
Grund dafür ist die von der Europäischen Union geplante Saatgutverordnung, die die Vorschriften zu Produktion und Vermarktung EU-weit bündeln und vereinheitlichen soll. Ziel dieses EU-Gesetzes ist eine Normierung von Saat- und Pflanzgut. Soll heißen: Alle Pflanzen einer Sorte müssen möglichst gleich aussehen und wachsen, auch noch nach mehreren Generationen. Das ist aber nur mit hochgezüchteten Sorten der Industrie möglich, alle natürlichen Sämereien besitzen dieses Ausmaß an Uniformität nicht. Damit spielt die geplante EU-Verordnung den großen, marktbeherrschenden Saatgut-Konzernen wie Monsanto, Syngenta, DuPont, Pioneer, BASF und Bayer in die Hände, denn diese Regelungen sind ganz klar auf die Bedürfnisse der Agrarindustrie zugeschnitten.

Irreversibler Schaden programmiert 
Sowohl für die Produktion als auch für die Weitergabe von Samen, Setzlingen, Stecklingen und Knollen drohen Auflagen für Unternehmer, amtliche Prüfungen und teilweise hohe Gebühren, die – in gleicher Weise! – für die großen Industriekonzerne wie auch für die wesentlich kleineren Bauern gelten sollen. Diese Hürden machen die Weitergabe von alten, seltenen Saatgutspezialitäten für unsere Bauern praktisch unmöglich, denn die wenigen Ausnahmeregelungen greifen viel zu kurz. Landwirte, die heimische Raritäten züchten, könnten ihre Existenzgrundlage verlieren. Immer mehr Bauern wären dann gezwungen, hochgezüchtetes Hybridsaatgut zu kaufen, die Umwelt würde durch die drohenden Monokulturen und den Verlust der Bio-Diversität großen, nicht wieder gut zu machenden Schaden nehmen, die Qualität und Identität unserer regionalen Küche wäre extrem gefährdet, und zu guter Letzt würde diese Verordnung alle Konsumenten in Österreich und Europa von der wunderbaren Vielfalt, die unsere Natur zu bieten hat, abschneiden, denn zum registrierten und zertifizierten Einheitsgemüse der Konzerne gäbe es kaum mehr Alternativen.   

Existenzbedrohung für Bauern 
Der burgenländische Bio-Landwirt Erich Stekovics, der national und international als Paradeiser-Kaiser bekannt ist, verdeutlicht anschaulich, was die neue Verordnung für ihn bedeuten würde: „Ich müsste für die Zulassung meiner rund 3.500 Tomaten- und Paprika-Sorten rund 3,5 Millionen Euro an Gebühren zahlen. Für die Registrierung und Zertifizierung müsste ich für jede einzelne Sorte etwa 18 Seiten Formues in den jeweiligen Mitgliedsstaaten keine nationalen Ausnahmen mehr geben wird, sobald die EU-Saatgutverordnung geltendes Recht wird? Wussten Sie, dass SPAR PREMIUM Bio- Santa Fe Chili scharf Edition Stekovics Die Santa-Fe-Chilis aus Erich Stekovics’ Anbaugebiet mit rund 300 verschiedenen Chilisorten werden von Hand gepflückt, entstielt und in den Farben Gelb, Orange und Rot in die Gläser geschlichtet. SPAR PREMIUM Bio- Lemonchili extra scharf Edition Stekovics Als Basis für seine Würzpaste dienen Erich Stekovics, dem burgenländischen Verfechter der Vielfalt, zwei extrascharfe Habanero-Sorten mit intensivem Zitronen-Aroma. Achtung: Zurückhaltend dosieren! SPAR PREMIUM Bio- Chilipaste scharf Edition Stekovics Dank der Gleichmäßigkeit ihrer Schärfe ist diese Chilipaste sehr gut dosierbar und vielseitig verwendbar. Sie eignet sich hervorragend, um die Schärfe von Saucen und Speisen zu erhöhen und jedem Gericht das gewisse Etwas zu verleihen. lare ausfüllen, das wären fast 60.000 Seiten! Wie soll das gehen? Sowohl der finanzielle als auch der administrative Aufwand wären für mich nicht zu bewältigen.“ Die EU-Verordnung würde für Stekovics de facto das Aus bedeuten! Und mit ihm müssten Köche und Konsumenten in Zukunft auf seine schmackhaften und begehrten Gemüse- und Obstspezialitäten verzichten. Stekovics verwendet fast nur hofeigene Sämereien und will vom Saatgut der Agro-Chemiekonzerne unabhängig bleiben. Stekovics: „Da diese Hybridsamen nicht samenfest sind, das heißt, sie können sich nicht selbst vermehren, wäre ich gezwungen, jedes Jahr neues Saatgut zu kaufen. Damit steigt meine Abhängigkeit von diesen Unternehmen, die sie jederzeit ausnutzen können, um die Preise in die Höhe zu treiben.“ Und, argumentiert der Bio-Bauer weiter: „Die Züchtungen der Agro-Chemiekonzerne sind auch bestens auf die von ihnen vertriebenen Düngemittel und Pestizide abgestimmt. Kein Wunder also, dass die großen Agrarkonzerne ein enormes Interesse haben, einen europaweit einheitlichen Markt zu schaffen.“  

Bio-Diversität in Gefahr  

Privatpersonen und Hobbygärtner wären zwar von dieser EU-Verordnung ausgenommen, aber nur, solange sie ihre Spezialsorten ausschließlich ohne Geld austauschen und verschenken. Auch andere Ausnahmeregelungen, die eigentlich die Vielfalt schützen sollen, haben ihre Haken: Die „Registrierung light“ beispielsweise würde sich nur auf alte Sorten, die bereits auf dem Markt waren, bevor die Verordnung in Kraft treten würde, beziehen. In anderen Worten: Alle alten Sorten, die auf dem Markt bis dahin nicht verfügbar waren oder entdeckt wurden, und alle neuen Kreuzungen zwischen zwei alten Sorten müssten trotzdem den extrem aufwändigen und teuren Zulassungstest für industrielle Sorten bestehen, um auf dem Markt zugelassen zu werden. Weiters hätten nur ganz wenige Menschen Zugang zu diesen Raritäten, die praktisch nur für den Eigenbedarf gezüchtet werden dürfen; der Großteil der Österreicher wäre von der Möglichkeit, sie zu beziehen, ausgeschlossen. Und drittens: Wenn Saatgut und Pflanzgut vieler seltener, traditioneller, bäuerlicher Sorten nicht mehr weitergegeben werden darf, sind diese mehr denn je vom Verschwinden bedroht. Bereits 75 % der landwirtschaftlichen Vielfalt sind in den letzten hundert Jahren laut Schätzungen der Welternährungsorganisation verloren gegangen.  

SPAR kämpft für Sortenvielfalt
Ein Punkt der neuen EU-Verordnung betrifft auch die Lebensmittelhändler: Nur Unternehmen mit weniger als zwei Millionen Euro Umsatz – eine verschwindende Minderheit – dürfen Saat- und Pflanzgut von nicht registrierten Sorten führen. Seltene ARCHE NOAH-Sämereien etwa dürfte SPAR dann nicht mehr verkaufen. Damit es nicht so weit kommt, engagiert sich SPAR aktiv gegen diese Verordnung, kontaktiert Politiker und Beamte im In- und Ausland, informiert Konsumenten und Kunden über die drohenden Gefahren und startet in dieser Mahlzeit!-Ausgabe eine Unterschriftenaktion. Denn SPAR ist es seit vielen Jahren ein großes Anliegen, die Sortenvielfalt zu bewahren und damit nicht nur einen wichtigen Beitrag zur Erhaltung der Bio-Diversität in unserem Land zu leisten, sondern auch, um ihren Kunden ein breites, einzigartiges, vielfältiges und regionales Produkt-Sortiment an außergewöhnlichen Spezialitäten bieten zu können. So initiierte SPAR in den vergangenen Jahren Kooperationen mit Paradeiser-Kaiser Erich Stekovics, den Edelbrand-Produzenten Hans Reisetbauer und Gölles, sowie mit dem Verein ARCHE NOAH, und entwickelte gemeinsam Produkte, die aus regionalen Sortenraritäten bestehen. Denken Sie nur an die feurige Bio-Chili-Paste im Glas sowie an die Vielzahl von eingelegten Chili-, Tomaten- und Frucht-Produkten in Bio-Qualität von Erich Stekovics. Oder an seine seltenen Tomatenspezialitäten mit klingenden Namen wie „Black Cherry“, „Grüne Traube“ oder „Goldita“, die immer nur saisonal erhältlich sind. Sie alle haben eine lange Tradition, keine Sorte gleicht der anderen. Die Palette reicht von olivengroßen Früchten in hellem grasgrün über gold-orange Früchte mit typisch runder Cocktailtomaten- Form bis hin zu rotbraunen Früchten mit beerigem Geschmack. Oder an seine Chili- und Tomaten-Stecklinge, die Hobbygärnter ab dem Frühjahr selbst zuhause großziehen können. Auch die Bio-Samen für traditionelle Sorten – vom Kohlrabi „Blauer Speck“ über die Küchenzwiebel „Rote Wiener“ bis zur Stangenbohne „Posthörnchen“ –, die in Zusammenarbeit mit dem Verein ARCHE NOAH entwickelt wurden, sind ein Beweis für das aktive SPAR-Engagement, für die Verbreitung regionaler Raritäten zu sorgen, damit diese nicht in Vergessenheit geraten. Dass die Nachfrage nach solchen Produkten enorm ist, zeigt sich daran, dass etwa die Bio-Kartoffel-Raritäten, die im vergangenen November in Kooperation mit ARCHE NOAH unter der Marke „SPAR wie früher“ angeboten wurden und Namen wie „Rote Emma“, „Blaue Elise“, „Rosa Tannenzapfen“ und „Sieglinde“ trugen, innerhalb von nur zwei Tagen vergriffen waren. Sorgen wir gemeinsam dafür, dass diese Produkte auch weiterhin in den Regalen bleiben!   

Es ist noch nicht zu spät! 
Mitte April wird im EU-Parlament über die geplante Saatgut-Verordnung abgestimmt. Bis dahin bleibt Zeit, die EU-Parlamentarier auf die drohenden Gefahren aufmerksam zu machen und sie zu einer Abänderung der Verordnung zu bewegen. Das bedeutet, dass wir noch verhindern können, dass das EU-Saatgutgesetz in dieser Form in Kraft tritt! Jeder Einzelne kann mithelfen. Steirereck-Chef Heinz Reitbauer schließt sich den Protesten an, die von SPAR-Vorstand Gerhard Drexel kräftig unterstützt werden. Deshalb hat der 4-Hauben- Koch auch eine Initiative für einen Schulterschluss mit Spitzenköchen der anderen EU-Länder gestartet (Infos auf www.kochcampus.at). Der Verein ARCHE NOAH, der sich für die Erhaltung und Entwicklung von Kulturpflanzenvielfalt einsetzt, und die Umweltschutzorganisation GLOBAL 2000 haben eine Informationskampagne gestartet und zu einer europaweiten Unterschriftenaktion gegen diese EU-Verordnung aufgerufen. SPAR und die Kronen Zeitung unterstützen die Aktion. Unterschreiben auch Sie die Petition auf www.krone.at/vielfalt, die bereits von rund 280.000 Menschen unterzeichnet wurde. Oder schreiben Sie ein E-Mail mit Ihren Bedenken direkt an die EU-Parlamentarier. Namen und E-Mail-Adressen finden Sie auf www.europarl.europa.eu. Unterstützen Sie uns dabei, gegen die Verordnung Stimmung zu machen, füllen Sie den Coupon auf S. 20 aus und senden Sie ihn ein. Danke!